26/08/2010

try to kill it all away

Das Tatsächliche liegt tief vergraben unter mehreren
Schichten der Selbstdarstellung.

Welches Bild wir von uns selbst haben. Welch verzerrtes, weichgezeichnetes Bild. Von uns, von unseren Mitmenschen. Ein Bild, geformt aus alltäglichem Geplauder, aus zusammengeschnipselten, aus dem Zusammenhang gerissenen Gesprächsfetzen, die man im rechten Licht herabrieseln lässt, und selbst davon erreicht nur die Hälfte das Gehirn des Gegenübers, kitzelnd, interessant, das wird gespeichert, der Eindruck, die Empfindung.

Nicht das Tatsächliche.

Und anstatt danach zu suchen, suhlen wir uns in Selbstgefälligkeit. Geldgier, Machtgier; Gier nach mehr. Mehr ist nicht genug. Wir räkeln uns darin, wir sind stolz darauf. Wir verstecken nicht, wir geilen uns auf. Wir schämen uns nicht für unsere Abgründe, unsere verkommene Moral und dunklen Sehnsüchte. Emotionale Magersucht stellen wir zur Schau. Je kaputter desto besser, nur die Hülle zählt; wir sind ja so kaputt, wir sind so abgestumpft, auf der Suche nach dem nächsten Kick.

Gott, wie wir uns gefallen.

Taumeln mit seelenlosem Blick von einer Tanzfläche zur nächsten und merken gar nicht, wie wir den Halt verlieren. Dröhnen uns zu mit irgendwas, mit allem, was es gibt, und fühlen doch nichts.

Fühlen nichts mehr.

Und was bleibt, sind Fragen. Fragen wie, Wann hört das auf? Kann es überhaupt aufhören? Was ist das, ein Fluch? Die Suche nach dem Sinn? Oder das Los einer verlorenen Generation.

Aber wir fragen nicht. Wir fragen nicht mehr.

21/08/2010

wanted to eat your heart up, chew it up and swallow

Rauch umfängt, umhüllt uns, Füße zucken zum Beat.

Ich sauge an der Kippe wie an einem Strohhalm, muss husten, muss lachen; jemand wirft mir einen Blick zu, der alles heißen kann und nichts bedeuten muss, einen Blick, den ich mit Leichtigkeit abschüttle. So wie ich alles abschüttle, an diesem Abend.

Tanzen, forme ich mit den Lippen, die Musik übertönt selbst das, aber A. nickt und folgt mir auf die Tanzfläche. Wir boxen uns durch den Abend, und wenn sie genug Platz hat, bewegt sie sich wie eine Königin. Ich lache, weil ich das nicht erwartet hatte, weil wir nicht ernst bleiben können, und später tanzt E. bei uns, tanzt bei uns und scheint nicht so recht glücklich, nicht in Tanzlaune zu sein, und ich denke an die Abende, an denen wir den Blick kaum voneinander abwenden konnten, denke daran, wie sie mir die Sehnsucht aus den Fingern saugte, wie ich brannte, und wie sie brannte, für mich.

Ich schaue sie an, aber da brennt nichts in mir, obwohl ihr Blick derselbe ist, katzig und blitzend und, nein, nicht verlockend. Nicht länger verführerisch, es zieht mich nicht mehr zu ihr hin, es kitzelt nur noch, ganz leicht, und als ich sie antanze und sie die Hand an meine Hüfte legt, unsere Finger sich berühren, da explodiert nichts in mir. Ich sehe, wie sie A. einen kaltwütenden Blick zuwirft, und spüre ihre Laune absacken, je ausgelassener ich tanze, je mehr ich mit A. lache. Absurd, denke ich, als sie und A. nebeneinander tanzen; die eine trägt ein schwarzes, die andere ein weißes Top, und beide schauen mich an, und ich schließe die Augen und gebe mich hin.

Der Musik.

Ich verliere mich nicht mehr in ihrer Selbstsucht, in ihrem Vielleicht, vielleicht nicht, 'Und im nächsten Moment werde ich dich fallen lassen', das hat seine Anziehungskraft verloren. Vielleicht bin ich mir jetzt zu gut dafür. Vielleicht sehe ich jetzt, dass niemand das verdient hat.

Vielleicht will ich es auch einfach nur nicht mehr.

17/08/2010

like the wreck you hide behind that mask

plötzlich
sie in meinem arm
hand unter stoff
auf haut
kuss zum versinken

Sie demütigt mich, vor allen, vor mir selbst, als sie ihn zur Begrüßung küsst. Wut und Ohnmacht kochen in mir hoch, der kindische Einfall, einfach in Tränen auszubrechen und wegzulaufen, dauert keine Millisekunde, verflüchtigt sich im Wimpernschlag, ich weiß, ich werde Haltung bewahren. Ich stapfe neben M. den Weg entlang und sammle mich. Dann lache ich versuchsweise, es klingt ein wenig angestrengt, aber ich will Leichtigkeit beweisen, und ich lache noch einmal. Perfekt. Jedes Lachen macht mich stärker. Es ist auf einmal leicht, sie beide zu verachten.

Seinen provokanten Blick erwidere ich amüsiert, betont liebenswürdig, und er zieht sie auf seinen Schoß. Ich will ihm den Hals umdrehen, lasse mich stattdessen in ein Gespräch verwickeln. Später ziehe ich sie an mich, sie wehrt sich lachend, dann wehrt sie sich nicht mehr, ergibt sich im Kuss. Kinder tuscheln aufgeregt, kreischen dann kichernd, zeigen mit den Fingern auf uns.

"Die hübsche Braune und die hübsche Blonde", röchelt der Langhaarige in mein Ohr, ich soll es den Kindern erklären, N. sagt, wir verstehen uns eben so gut, sind beste Freundinnen und küssen uns deshalb. Es schmerzt nicht einmal.

Die Kleine mit den neugierigen Augen stellt sich neben mich, und ich sage, "Frauen können sich auch ineinander verlieben, weißt du", und sie nickt eifrig und sagt, "Ich weiß das", und dreht sich um. Läuft davon. Läuft weg, und lässt mich kopfschüttelnd zurück; im Auto küsse ich sie noch einmal, zweimal, küsse ihr die Luft weg, küsse Gute Nacht. Es ist so leicht.

Es ist so leicht, sie zu küssen, wenn man einmal damit angefangen hat.

13/08/2010

love is a banquet on which we feed

Ihr Lachen fliegt durch den Raum, grün und rot;
jemand verschüttet klebriges Irgendwas,
jemand lacht ausgelassen, vielleicht bin das ich.

Jemand wirft die Hände in die Luft. Hüften kreisen, Gekicher gluckst in mir hoch; auf einmal leuchten ihre Augen auf und sie dreht sich, dreht sich übermütig, greift nach mir, zieht mich an sich, und wir lachen beide, lachen und tanzen eng aneinander gepresst, und ich denke, wie viel davon ist Spaß, wie viel bedeutet ihr etwas. Manchmal schaut sie ernst, und dann spüre ich diese Spannung, diese Spannung zwischen uns, das geliebte Knistern, aber sie lacht schnell wieder, und ich auch, und wir lachen es gemeinsam von uns weg.

Von einer Zigarette berauscht, wieder auf die Tanzfläche, Ausschau gehalten nach Locken und einem blonden Zopf, und da sind sie, und in dem Moment, in dem ich N. meine Hand auf die Schulter lege, fragt der Sänger, "Are you gonna be my girl?" Sie lacht. "Long brown hair", ruft der Sänger und sie streicht mir durchs Haar. "Be my little rock’n roll queen", sagt sie zu mir.

Später macht die Welt einen Kopfstand. Ein Mädchen spricht N. an, fragt, ob sie auf Frauen stehe, und ich schnappe nach Luft. "Manchmal", sagt N., ohne kokettieren zu wollen. "Wenn ich betrunken bin", ergänzt sie dann, und ich erstarre. Ich stürze mehr oder weniger zum Ausgang. Sie wechselt noch ein paar Worte mit dem Mädchen, folgt uns dann; meine Bestürzung bemerkt sie nicht, scheinbar.

Abschied: Ein Kuss auf die Wange. Unverbindlich. Freundlich.

Zum Kotzen.

09/08/2010

running wild among all the stars above

Es ist dunkel im Zimmer.

Für zwei Sekunden sind wir allein, allein in einem riesigen Doppelbett, uralte Konstruktion, eine Art Baldachin über unseren Köpfen, wie deplazierte Vorhänge, unsere Beine verschlungen, unsere Finger. Dann reißt wieder einer die Tür auf, starrt uns mit benebeltem Blick entgegen; Raus! lachen wir und halten einander fest. Raus, denke ich, aber er klettert zu uns ins Bett, legt sich neben N. und sagt, wir sollen uns nicht stören lassen. Ich will ihn schlagen. Stattdessen küsse ich N.

21.02
Sie kommt vielleicht nicht, höre ich jemanden sagen, doch, sagt jemand anderes, ich lausche stumm und nippe am Wein. Ich denke gar nichts. Ich denke, vielleicht sollte ich hier nicht sein, vielleicht sollte ich das nicht denken, denke also nichts. Denke gar nichts.

21.34
Sie kommt ein wenig später, wirft ein Hallo in die Runde, setzt sich neben mich, schenkt mir kaum Beachtung, schenkt sich gleich ein. Willst du auch ein Glas? Ich nicke. Wir reden ein bisschen, übers Tanzen und die Leute und ich frage, ob sie sich betrinkt und denke Gut als sie ja sagt.

23.10

Unsere Beine berühren sich zufällig, ich ziehe meins zurück, Willst du mich anmachen?, zwinkert sie, und ich lache, lache leicht panisch. Die Situation ist absurd. Niemand hat ihr erzählt, dass ich auf Frauen stehe, aber alle wissen es, sie wissen es und schauen zu, wie wir lachen und scherzen, und wie sie kein Misstrauen schöpft. Ein paar Mal setze ich an, als sie mich nach meiner Vergangenheit fragt, nach Leben und Liebe, ich setze an ihr zu erzählen von E. und von meiner Neigung, aber dann hakt sie sich bei mir ein und lehnt vertrauensvoll ihren Kopf an meinen, und die Worte bleiben mir im Hals stecken. Ich will sie nicht zurückzucken sehen.

00.17
Die Welt dreht sich, dann rückt wieder alles an seinen Platz. Frische Luft, Luft; erst am Fenster, ich lehne da und sie stellt sich zu mir, und dann raus, auf die nasse Straße, meine Füße werden kalt aber ich friere nicht. Wir landen auf irgendeiner Wiese, ganz nass ist die, aber wir lassen uns fallen und lachen und sind verknäult, und es tut gut, ihr so nah zu sein, tut so gut, und ich weiß, ich werde ihr nichts erzählen von all dem.

01.01
Wo seid ihr gewesen? Was habt ihr gemacht?
Wir lachen bloß. Der eine stiert uns schamlos an. Sie wischt die Neugierde mit einer Handbewegung fort, schmiegt sich an mich und drückt aufreizend einen Kuss auf meine Wange, lässt ihre Augen blitzen. Sie macht sich lustig über die Kerle, ich lache mit ihr, so nah, so nah. Wir tanzen ein bisschen. Dann stehen wir abseits, zwei Kerle lassen nicht locker, Was war denn nun!, sie küsst mich wieder, scherzhaft, der Kuss verrutscht. Ich lasse den Kuss verrutschen, erwidere ihn sanft. Sie löst ihre Lippen von meinen, und die Vertrautheit weicht kriechender Angst in mir, aber sie steht nur so da, atmet ganz ruhig und langsam, und küsst mich wieder.

01.20

Mitten zwischen all den Leuten stehen wir, und versinken ineinander. Eine Frau fragt, ob sie ein Photo von uns machen kann; dann wieder ihre Lippen, ihre Zunge, ihre Hände an meinen Hüften. Meine Hände an ihren Wangen. Um uns herum existiert nichts mehr.

04.27
Das Doppelbett ist zu klein für fünf Leute, aber das ist uns egal. Der gutaussehende Japaner liegt neben mir, kuschelt sich ein, kuschelt sich an mich, und ich spüre den anderen Kerl nach N. greifen. Ich fahre hoch. Er lacht und sagt, was hast du denn, bist du eifersüchtig? Sie flüstert, nicht wegdrehen und umschlingt mich. Eine Träne fällt aufs Kopfkissen, dann noch eine, dann balle ich die Fäuste und sehe ein, dass ich sie nicht hassen kann. Ich versuche, einzuschlafen; mein Rücken schmerzt, ich liege verdreht, ihr Kopf in der Kuhle zwischen Schulter und Hals und ich will sie nicht wecken. Aber sie ist wach. Ihre Finger streicheln meine. Ein Wimpernschlag kitzelt meine Wange, ich zucke zusammen und höre sie lächeln. Ich denke, wenn sie das nächste Mal blinzelt, drehe ich mich um und küsse sie.

04.54
Die Musik wird leiser. Ich schlafe ein.

06/08/2010

out of place and underdressed

Ich sage, "Er wirkte so..." und suche nach dem passenden, nach einem eindrucksvollen Wort, aber sie findet es vor mir. "Alt?", sagt sie, das Fragezeichen klingt nur leise an, es ist mehr eine Feststellung, und ich lasse mir Zeit, suche erst ihren Blick, nicke dann, verwundert, dass dieses schlichte Wort es trifft. Dieser Moment stillen Verständnisses rinnt mir die Kehle sättigend hinunter. Wie Honig. Könnte ich, würde ich darin baden.

Und auf einmal spüre ich, wie es weich wird in mir, weich und zärtlich. Ein Augenpaar, das mir zwischen all den leeren Blicke entgegenleuchtet, hat mich aufgetaut. Einfach so. Irgendwas in mir, von dem ich nicht einmal wusste, dass ich es verhärtet, dass ich es eingefroren hatte, schmolz nach und nach.

Ich meine - Man kann nicht mit vielen Leuten so tanzen. Es gibt die, die sich kaum vom Platz bewegen, nur im Rhythmus leicht wippen oder immer dieselbe Bewegung wiederholen, immer wieder, bis es lachhaft scheint, aber auf eine trostlose Weise. Ich denke dann, nein, ich glaube zu wissen, dass in diesen Menschen irgendetwas kaputt ist, oder vielleicht hat man ihnen nur nie gezeigt, wie sie es machen können, wie es sein kann.

Es gibt auch die, die ihren Körper elegant bewegen, krampfhaft graziös, aber man spürt die Musik nicht, wenn man ihnen zuschaut; sie sind mit den Gedanken woanders. Sie wollen gut aussehen. Sie sind fixiert darauf.

Und es gibt eben sie. Sie und ich und die Musik, die Musik ist unser Trittbrett, unsere Welle, wir wirbeln in buntem Licht und die Gedanken im Kopf sind endlich, endlich weggefegt. Ich bestehe aus puren Emotionen. Ich bestelle zwei Tequila, die im Hals brennen und alles noch enger wirken lassen, sie fragt mich, ob das mein Freund ist. Wir lachen. Und ich werfe mich wieder der Musik entgegen, ihr und der Musik.

Irgendwann - Ich ziehe sie an mich, schützend, als die Betrunkenen zu schubsen beginnen, und es ist ein kleines Bisschen zu nah, aber sie merkt es nicht. "Because the night belongs to lovers", grölen wir verschwitzt als das Licht bereits angeschaltet wird, und sie greift nach meinen Händen und wir tanzen zusammen. Zuneigung erfüllt mich, ganz gleich, wie viel sie versteht von dem, was hier passiert ist, ganz gleich, was sie fühlt.

Ich fühle das hier, und es fühlt sich gut an. Die Schwermut überfällt mich erst später.