31/03/2011

holding hands we'll fall

Wie alte Tapete von der Wand, Streifen für Streifen.
Irgendwo ist da eine Spinne, in diesem Netz aus Nylonschnüren, die das Zimmer durchziehen; ich wage nicht, mich zu bewegen. Schaue bloß. Dann zerreißt sie jemand, die Schnüre, die losen Enden wehen wie verträumt in einem nicht vorhandenen Windhauch, und irgendwo krabbelt sie, das spüre ich, die Spinne ist da, aber die Angst zieht sich zurück, und nur dieses kruselige, unbehagliche Schüttelgefühl bleibt. Wie ein aufdringlicher Nachgeschmack.

Sie winkt mir noch zu, dann lenkt sie ihr Fahrrad einhändig, eisbalancierend, auf die Wiese, zu ihren Freunden.

Ein Rotschopf lacht ihr mit blitzenden Augen zu, ein blondes, zerzaustes Mädchen umarmt sie. Das Fahrrad bleibt im Gras liegen, sie knabbert die Waffel genussvoll bis zur Spitze; die Sonne wärmt. Der Klang von Holz auf Holz. Ihr Kopf auf seinem Bauch, und er lacht und sie befiehlt ihm, halb verärgert, halb im Scherz, damit aufzuhören, und rutscht mit dem Kopf auf seinen Brustkorb, weil der weniger bebt, wenn er lacht.

Und seine Hand, mit der er eine Haarklammer von mir stiehlt und die ich ihm zu entwinden versuche, seine Hand ist stark und fest und real. Hornhaut fühle ich, Schwielen, und er lacht wieder, und wir liegen alle im Kreis, ein Kreis aus Körpern, und diese Nähe, denke ich noch, ist doch albern, lässt mich eine seltsame Verbundenheit spüren, eine plötzliche, starke Zuneigung.

Glück? Ja, nein, vielleicht. Das ist einfach nicht die Frage.

16/03/2011

thinking that we almost had it all

Ein bellender Hund, Dunkelheit, und eine Tür, die sich nicht öffnet.

Was lehrt mich das? Dass man Menschen nicht zu Konstanten erheben darf; ein Mensch kann das nicht sein. Konstant.

Ich war zu dir gefahren, während mir die Worte noch im Kopf herumschwirrten. Ich war noch nie irgendwo hingefahren mit der absoluten Gewissheit, unerwünscht zu sein. „Nein, ich will das nicht“, hattest du geschrieben, aber ich musste. Musste es versuchen.

Eine Freundschaft kann man nicht einfach so abschneiden, dachte ich, von einem Tag auf den anderen und ohne klärendes Gespräch. Erst recht nicht diese Freundschaft, mit ihrer Besonderheit, ihren Tücken und all der Wärme, die immer wieder für alles entschädigte.

„Ich bin nicht gut für dich.“

Vielleicht würdest du die Tür mit kalter Miene öffnen, ich würde mich winzig fühlen und kapieren, dass du es ernst gemeint hast. Vielleicht würdest du auch ein bisschen schmunzeln, über mein Gekeuche und die windzerzausten Haare; vielleicht würde ich um ein Glas Wasser bitten und schnell wieder abhauen. Vielleicht wäre es seltsam und fremd. Und vielleicht, ganz vielleicht nur, würde es alles ändern, wenn wir uns wiedersehen würden, so mit Haut und Haar und unsicherem Lächeln. Ich würde herumwitzeln und du würdest darauf anspringen, und die virtuellen Wortwechsel kämen uns völlig surreal vor, weil sie nicht zählen, nie gezählt haben.

„Du bist nicht mehr die von früher.“

Festklammern an längst verwesten Erinnerungen, wie ein blindes Kind; darin bin ich gut gewesen. Der Gestank hat mich nie gestört, den habe ich ignoriert; jetzt beißt er mir in die Nase, hat zugebissen. Jetzt lasse ich los. Somehow relieved, because your happiness is no longer one of my concerns.

„Lass' es jetzt darauf beruhen. Bitte.“

Du hast mir die Tür nicht geöffnet, das war deutlich genug.

Ich suche keine Entschuldigungen mehr für dein rohes, verletzendes Verhalten; es ist mir jetzt gleichgültig, was dahinter steckt. Ob es Angst ist, Angst vor Wahrheit, gequälte Seelenpein oder selbstzerstörerischer Drang – Ich lasse dich jetzt allein damit. Ich habe mich dir oft genug angeboten, dargeboten, preisgegeben, mich klein gemacht. Das verdienst du nicht, das verdient niemand.

Der Hund bellte sich heiser, überschlug sich fast; im Haus war ansonsten keine Regung auszumachen. Und so ging ich, etwas von „Stolz“ murmelnd, zu meinem Rad und ließ dich

Und den bellenden Hund
Und die Dunkelheit

Hinter mir.

10/03/2011

secrets on your pillow

Ein Schwall nassen Erddufts weht ihr ins Gesicht,
kühl, belebend; eine Mischung aus modrigem Laub,
feuchtem Gras und dunkelkalter Straße,
die Luft ist durchtränkt davon.

Sie atmet langsam ein und läuft zügig weiter.
Straßenlaternen werfen schummriges Licht auf den Bordstein.

Manchmal willst du über etwas schreiben, und sitzt dann da, seltsam leer, seltsam verloren und hilflos, denn da sind keine Worte in dir. Und langsam wird dir bewusst, dass du nicht wirklich gefühlt hast in diesen Momenten, du hast nichts gespürt, keine Explosion, kein Feuerwerk. Nichts als leeres Rauschen; betäubtes, betäubendes Berauschen an Unbedeutendem. Ekstase aus dem Wunsch heraus, der Eintönigkeit zu entkommen; aufgeputscht und hochgegeilt.

Es ist: Lechzen nach Herzschlag, und Zurückschrecken vor der Tatsächlichkeit.

Aber manchmal ist es gut, nicht viel zu spüren; manchmal ist Ruhe nicht das Schlechteste, manchmal sogar nötig.

Ausruhen, im Sinne von: Allein durch fremde Gassen stromern und dabei nicht verloren gehen. Jemandes Blick erwidern ohne jedes Misstrauen; das Kind in sich spüren, dessen Arglosigkeit, und ihm das Haar zerstrubbeln. Mit Freunden irgendwo auf dem Boden sitzen, Hauptsache Sonne, und der Wind bläst jedes Streichholz aus, aber die Zigarette brennt trotzdem irgendwann. Lust auf Eiscreme.

Das Fenster aufreißen und einem sexy Typen hinterherpfeifen, auf vier Fingern, und kichern, lachen bis Bauchschmerzen. Freude über angeschmiegten Kopf an Schulter. Lachen, umhergewirbelt werden und emporgehoben, und einen raschen Kuss zulassen, aber nicht mehr, und durch die Musik boxen, bis der Kopf platzt, bis -

Nicht: Sinnieren über. Überlegen, ob. Klammern an.

Oder: Hoffen, dass.

02/03/2011

bonfires of trust, flash floods of pain

I have no idea how I ended up here.

Keinen blassen Schimmer, wie ich hier gelandet bin.

Mein Blut pocht dunkelbraun durch meine Adern; zittrige Finger, gehetzte Schrift auf kariertem Papier, wo bin ich überhaupt? Jage durch Gedankenspiralen, jegliches Raumgefühl verloren; die Zeit hat ohnehin noch nie zu mir gesprochen, wann ist jetzt, wann ist morgen, und würde es einen Unterschied machen?

Wie wir im Auto saßen, eben war die Landschaft noch ruhig am Fenster vorbeigeflogen, dann auf einmal die Kurve, herannahend, viel zu schnell, viel zu real; zu real, um wirklich fassbar zu sein, alles entgleitend, und im nächsten Moment nur noch der aufdringliche Gestank verschmorten Gummis auf Asphalt. Der Ruck des Zum-Stillstand-Kommens, eine Sekunde nichts, und dann die seltsam unaufgeregten, sortierten Gedanken im Kopf:

Warnblinker. Aussteigen. Bloß raus hier.

Dann: Der Zug, der auf mich wartet und K., die mir die Tasche zuwirft, in letzter Sekunde, sozusagen filmreif. Jemandes verschmitzter Blick auf mir, und sein ungestümes Lachen. A.'s verletzende Worte, überhaupt – A.

Die ich nicht verstehe, deren Motive ich noch nie nachvollziehen konnte und alle, alle raten mir, sie in den Wind zu schießen, sie zu vergessen, und dabei ist das eins der einzigen Dinge, bei denen ich mir wirklich sicher bin: Dass ich das nicht tun will.

Manchmal hält man völlig irrational an Dingen fest, und - Kann das nicht doch irgendeinen Sinn ergeben?

Sonne auf dem Gesicht, endlich. Und blaue Knie.