29/01/2012

until my heart freezes sober

Wir sitzen auf der Bank; ab und zu werfe ich dir einen Blick zu, behutsam, unverstellt. Die Bartstoppeln auf deinen Wangen; ich denke, wie es sich wohl anfühlen würde - Aber ich lasse den Gedanken nicht zu. Das geht jetzt nicht; es wäre Wahnsinn, nach allem was war.

Wir sind an der Brüstung entlang geschlendert, haben herunter gesehen auf die Stadt, und den Fluss, und die Touristen, die eifrig knipsend an uns vorbeihuschten. Ich habe die Bank ausgesucht; es ist die einzige, neben der kein Mülleimer steht. Ich habe mich gesetzt, während du noch die Ruine nach einem Zeichen absuchtest, vergeblich Zeit schindend, den Augenblick herauszögernd. Jetzt sind wir einander noch gut gestellt, jetzt ist es zwar verdammt seltsam, und unbehaglich, und unsicher, aber -

Du setzt dich; ich nehme ganz deutlich den Abstand wahr, den du zu mir, zu meinem Körper einhältst. Der Abstand ist zu groß für das, was ich empfinde. Er ist zu groß für das, was ich von dir hören will; und ich ahne schon, ahne, dass bei aller Blödelei und allem Gescherze, das eben noch die Stimmung aufgelockert hat, nun nichts Gutes folgen wird.
  

22/01/2012

on a waltz of hypocrisy

Als ich endlich, unendlich umständlich, den BH zurecht gerückt habe, geht alles ganz schnell.

Ich schlüpfe in die restlichen Kleidungsstücke, schnüre die Schuhe, werfe einen Blick aus dem Fenster. Die Scheibe ist beschlagen, also wische ich mir ein Guckloch; der Poet liegt auf dem Bett und schaut mir zu. Vielleicht schaut er auch ins Leere; jedenfalls sagt er nichts, liegt da bloß, und als ich den letzten Mantelknopf schließe, höre ich mich „Also dann“ sagen, und „Mach's gut“.

Er reagiert kaum, schaut auf, wie ein Hund, den man geschlagen hat. Er nickt und lächelt schief, sein Blick verliert sich in einem Punkt über meiner linken Schulter. Ich denke, so kann ich doch jetzt nicht gehen, und dann stehe ich schon draußen.

Regentropfen durchziehen die Luft.

Ich atme tief durch und beginne den Abstieg.

19/01/2012

breathing comes in pairs, except for twice

Dies ist eine Danksagung an die Stimmen aus dem Off.

  unerwartet
waerme spueren,
    waerme unbekannter art

erstmals erfuellt die
    zuneigung fremder
  stimmen mich mit
   zuversicht.

 ein zuruf aus
    gesichtsloser menge
   gibt mir kraft.
                 mut.
              trost, gar!

fuehlt sich an wie:
  jemand ist bei mir
und: hier falle ich weich.

03/01/2012

in love with a dying man

Ich glaube langsam, nur Frauen können so küssen.
Oder vielleicht kann ich nur bei Frauen so empfinden.

Es war ein Rausch, ein Strudel aus Lichtern. Ringsum warfen sich die Menschen einander in die Arme, und irgendwo brannten knatternde, pfeifende Raketen Löcher in die nassklamme Luft. Ich hatte ihr spontan einen Kuss mitten auf den Mund gedrückt, und sie hatte getaumelt und gelächelt, und dann hatten wir uns allesamt umarmt.

Ich hatte N. gesehen, in einem flüchtigen Moment, einen oder zwei Meter entfernt von mir; beinahe hätte ich die Hand nach ihr ausgestreckt. Habe ich gerufen? Dann war sie weg, von der Menge verschluckt, von der Menge und dem allgemeinen Gekreische und Gerufe. Sie war weg, und es war Zwölf, das neue Jahr brach an, und ich würde es nicht ohne mich beginnen lassen.

Also das Leben beim Schopf gepackt, das Mädchen an der Hand, es auf den Mund geküsst. Und später noch mal, und länger, und sich verloren im Kuss. Verloren gegangen am Kuss selbst, um des Kusses Willen.

Das Mädchen war ohnehin längst zu einer anderen geworden; sie war nicht mehr die, die vorhin in der Küche gelacht und geredet und Punsch getrunken hatte. Sie war die Hübsche aus meinem Kurs, die mit dem schönen Mund. Sie war ein bisschen N. und ein bisschen Katze, ein bisschen von jeder, und ich wusste, dass auch ich für sie zu einer anderen wurde, für den Moment.

Für diese Nacht.