22/03/2012

drowning in light

Ich steige in die Bahn, werfe einen Blick nach rechts, entscheide mich für das linke Abteil, platziere die Tasche mit den Büchern auf dem Klappsitz in der Ecke, dann den Rucksack; lasse mich auf den Sitz daneben fallen.

Der Zug ruckt, fährt an, mein Blick schnippt vor und zurück, ich stiere leer aus dem Fenster; ab und zu schaut der Typ hoch, der mir gegenüber sitzt, schaut hoch von einem dieser flachen Computerdinger, von denen ich nicht weiß, wie sie heißen; dann tippt er wieder, tippt mit der immer selben Bewegung darauf, tack tack tack tack tack, was er da wohl macht? Er verzieht keine Miene; die Kappe tief ins Gesicht gezogen. Er sieht aus wie einer, dem alles zufliegt; ich wüsste gern, woran ich das festgemacht habe; vielleicht an der Art, wie er ab und zu flüchtig hoch guckt, uninteressiert, leicht blasiert, eben wie jemand, dem alles zufliegt. Ein Mädchen und ein Junge steigen ein, sie ist blond, er redet Unsinn. Beinahe weißblond ist sie, aber weder geschminkt noch geziert; sie lacht, sie hat ein herzförmiges Gesicht, ich schaue ein paar Mal hin und wieder weg, wende mich wieder dem vorbeiziehenden Draußen zu, das mich noch nie weniger – Ein älterer Herr steigt ein, oder sitzt er da schon länger?, er fingert an einem Pflaster herum, das ihm lose am rechten, kleinen Finger klebt. Ich halte den Ansatz eines Lächelns für ihn bereit, nur für den Fall, aber sein Blick streift mich nur kurz. Als ich wieder zu ihm hinsehe, rutscht ihm gerade das Pflaster vom Finger; ich bin kurz davor, ihn darauf hinzuweisen, warte dann aber mit leiser Faszination darauf, dass er es selbst bemerkt. Nicht zu spüren, wie etwas von einem abfällt, ist absurd; selbst, wenn es nur so etwas kleines ist; spürt er nicht den Luftzug am Finger? Ich beäuge seine anderen Finger, die mir auch nicht sonderlich gesund erscheinen, dann schaue ich das Mädchen an, eine Weile; etwas Ruhiges geht von ihr aus, schlichte Natürlichkeit, sie erinnert mich an irgendjemanden, aber mir fällt partout nicht ein, an wen. Mein Blick wandert zurück; der Mann hat das Pflaster wohl aufgehoben und friemelt nun daran herum; für einen Augenblick bereue ich, ihn nicht im Auge behalten zu haben; den Moment, in dem er das Pflaster aufhebt, sein Gesicht dabei hätte ich gern gesehen. Ich schweife ab, punktierte Gedanken, verwischte Momentaufnahmen; das weißblonde Mädchen schaut den Typen gegenüber von mir eine Spur zu lange an, ob er das gemerkt hat, weiß ich nicht, er schaut erst später zurück, schaut sie an und scheint absolut nichts zu denken. Er weiß nicht, dass ich ihn darum beneide, von ihr so angeschaut worden zu sein; das hat mir einen leisen Stich versetzt, und etwas flüsterte dann: Sei nicht albern. Hör doch endlich auf, ständig darauf zu hoffen, dass sich dir jemand in die Arme wirft; hör auf. Hör auch auf damit, die Jägerin zu spielen, denn das bist du nicht, das warst du nie. Werde ich es je sein?

Der Mann hat es aufgegeben, das alte Pflaster auseinanderzuklamüsern, und ein neues aus den Tiefen seiner Jackentasche gefischt. Bedächtig zieht er die weißen Streifen davon ab und wickelt es sich um den kleinen Finger.

Bahntür, Treppenstufen. Schritte, Schritte über Erde, über Bürgersteigkacheln. Blüten wie Himbeerschaum an den Astspitzen. Sonnenlicht, warm vertraut auf Haut und Haar und jedes Mal wieder ein Lächeln wert. Wenn man sucht nach Dingen, die es wert sind, kann man das Lächeln gleich bleiben lassen; ich denke: Fahrrad fahren, und auf einmal breit grinsen müssen beim Gedanken an irgendwas, und dann fährt dir jemand entgegen und sieht dich und dein Grinsen und denkt: Was für ein Trottel. Was grinst die denn so. Ich jedenfalls denke das manchmal, wenn jemand grinst; manchmal freue ich mich aber auch unwissend mit, dann verzieht es meinen Mund zu einem Spiegelgrinsen und im Bauch toben die sprichwörtlichen Schmetterlinge durcheinander. Dann wüsste ich gern, worüber die Person sich so freute, dass es mich angesteckt hat; aber es macht auch nichts, das nie zu erfahren, denn das Grinsen war ja da, und die Freude, und irgendwie ist das manchmal alles, was von einem Tag übrig bleibt.

14 comments:

  1. Ich hab deinen Blog irgendwie total vernachlässigt, ich glaube, weil ich am Bildschrim recht lesefaul bin.

    Darf ich fragen, wie so der Fiktions- und Realitätsanteil in deinen Texten ist?

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    1. Vorspielen tue ich hier nichts; wenn das deine Frage beantwortet. Realitaet / Wahrheit ist trotzdem relativ. Da verweise ich doch mal ganz einfach auf die Antwort von Anonym - Sind unsere Gedanken nicht manchmal echter, als das was um uns herum passiert?

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  2. Ich freue mich immer, was von dir zu lesen!
    Danke dass du dich uns mitteilst!
    Du schreibst wirklich toll, ich finde es egal, was davon wahr ist, was heißt denn auch schon "wahr"? Sind unsere Gedanken nicht manchmal echter, als das was um uns herum passiert?

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  3. wow, hab auch länger nichts gelesen bei dir, aber das ist echt gut
    erinnert mich auch voll an meine alltäglichen Bahnerfahrungen, ich mache auch gern beobachtungen und irgendwie spiegelt deine beschreibung genau die essenz dessen wieder, was sie ausmachen
    und das mit dem warten, dass sich einem jemand in die arme wirft, ja, das kenn ich auch
    gerade in der bahn schau ich mich oft um, aber die klischeehafte kennlernstory von wegen sich ansehen, anlächeln und dann ins gespräch kommen, das ist doch echt blödsinn, zumindest ist mir das noch nie passiert
    vielleicht ist das auch die großstadt... jeder für sich irgendwie (wenn auch nicht immer, aber die paar momente wo das durchbrochen wird, sind echt kostbar)

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    1. Man glaubt ja generell sehr gern ans Illusorische. Die klischeehafte kennlernstory ist eben genau das, was man sich wuenscht; und gerade deshalb ist es so fern...

      Das, was du in Klammern gesetzt hast, ist, finde ich, sehr wichtig zu begreifen.

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  4. du beobachtest nicht nur sehr gut und genau, du findest auch worte für die klitzekleinen gedanken-gefühle und all das unausgesprochene-unaussprechliche. ich les dich gerne und deine texte sind dann immer was ganz besonderes.
    liebgrüß, d.

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    1. Ich danke dir; das ist lieb. Ich freue mich immer ueber Kommentare von dir.

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  5. "in Arme werfen" wäre tatsächlich mal wieder was.

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  6. das kribbelt bei lesen in der zirbeldrüse.

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