27/04/2012

and we'll collide another day

Bin ich also wieder dem vertrauten Sog verfallen, dem Strudel der Gefühle; dem Möglichen in die Arme gesunken. Ohne den geringsten Widerstand hat es mich hinweg gerissen; oh, nein, ich habe mich nicht gewehrt, ich habe genussvoll die Augen geschlossen. Mit aller Macht habe ich mich hingegeben, mich verloren gegeben, und alles, was es brauchte, war ein flüchtiger Seitenblick.

Dieses Mal ist es anders, beteuerte ich M. gegenüber, die große Augen machte. Es ist anders; ich konnte das nicht erklären, in meiner Magengrube brannte die Gewissheit. Sie war so und so, und nein, ich kannte ihren Namen nicht, aber sie hatte so-und-so gelächelt, und ich hatte gar nicht damit gerechnet, aber auf einmal hatte sie da gesessen, und mir schoss das Blut in die Fingerspitzen, aber ich blieb ganz ruhig und gelassen, äußerlich, und fing nur ihren Seitenblick auf.

Und dieser Blick war es, die Art, wie sie mich ansah, die mich später gedankenversunken am Küchentisch sitzen ließ, die mich diese Szene wieder und wieder durchspielen und zu dem Schluss kommen ließ, der mich ein paar Tage lang auf Wolken trug. Mir fiel auf, dass mein Bett groß genug ist für Zwei. Alles fühlte sich anders an; als habe jemand eine Decke von Wohlgefallen über mich gebreitet, die mich auf Schritt und Tritt wärmend umfing. Es fühlte sich anders an, nachts im Treppenhaus nach dem Lichtschalter zu tasten. Es fühlte sich anders an, in den Spiegel zu schauen. Es fühlte sich anders an, ein einfaches Käsebrot zu essen; mit M. zu sprechen, mit sonst jemandem, und überhaupt.

Und dann sieht man die Person, die in den ureigenen Tagträumen schon verliebte Dinge gesagt und Kaffee ans Bett bekommen hat, wieder. Einmal, da reagiert sie kaum, jedenfalls nicht sichtbar, und man denkt sich, dass es nicht sein kann, und man hofft weiterhin. Und dann erscheint sie nicht, wo man sie erhofft hatte, und die Hoffnung kreischt, und der gesunde Menschenverstand hält ihr den Mund zu. Und dann läuft sie ganz selbstverständlich irgendwo durch die Stadt, und du weißt, sie hat dich gesehen. Aber du weißt auch: Da war keine Wärme. Da war kein explosionsartiges Etwas, das uns eine gemeinsame Zukunft verheißen würde; kein Blitzen in ihren Augen, kein Feuerwerk in meinem Bauch. Kein Garnichts.

Langsam, ganz langsam beginnt man dann, sich wieder mit dem trüben Gedanken anzufreunden, das Leben weiterhin so zu bestreiten, wie man es zuvor getan hat. Ohne die schützende Wärme, ohne den erfüllenden Glücksgedanken, jemandem besonders zu sein. Alles wehrt sich dagegen, die Illusion beiseite zu schieben; den Moment zu streichen, mit dem alles begann. Aber da war doch... Und es kribbelt leise, es kribbelt verhalten; das Potential ist da, vielleicht gebe ich dieses Mal einfach nicht auf. Vielleicht war alles falsch interpretiert, und ich kann sie trotzdem dazu bringen, mich zu sehen.

Aber wenn dieser Moment nicht das war, wofür ich ihn gehalten habe; macht es dann überhaupt Sinn, sich daran festzuklammern?

Und leise flüstert es, noch immer: Vielleicht ja doch. 

21/04/2012

draw back your bow

Diese Menschen, an die ich mich verlieren könnte, sind die, die sich dem Leben zu entziehen suchen.

Sie wollen der Welt nicht viel bedeuten, niemandem besonders sein. Sie achten auf sich mehr aus Höflichkeit, pflegen und kleiden sich mit ausgesuchtem Gleichmut, niemals mit dem Wunsch, aufzufallen. Mit zärtlicher Grausamkeit gestalten sie ihren Alltag, und ihr Staunen darüber, dass ein Leben trotz fehlender Liebe existieren kann, immer weiter existiert, wächst mit jedem Tag ein bisschen.

Das ist auch der Grund für die tief melancholische Traurigkeit, die ihnen aus den Augen springt, wenn sie nur einen Moment unachtsam waren. Und mit dem Stolz derer, die nichts anderes kennen - sich selbst umkreisend, immerfort - haben sie die Hoffnung auf einen anderen Weg längst aufgegeben.

Sie wirkt flüchtig, wie aus der Luft gegriffen. Scheu, niemals aufdringlich, beinahe farblos; und hätte mich ihr Blick nicht gestreift, so wäre sie mir gar nicht aufgefallen. Aber auf einmal sticht sie heraus aus der Menge, obwohl so sorgfältig in Unscheinbarkeit gehüllt. 

Ich glaube, ein edles Wesen zu erkennen, und schaue, und betrachte, und sehne mich.

15/04/2012

ghost town, haunted love

Vielleicht muss man einfach diese Höhenflüge des Übermuts zulassen, sich der maßlosen Selbstüberschätzung ergeben – Wenn dabei ein Funken Glück herausspringt, ist es vielleicht die verworfene Moral wert.

M. hatte das Eis aus der Tiefkühltruhe gezerrt; wir hatten die Limetten zerteilt, verteilt in die Gläser, zuunterst, und mit dem Stößel zerdrückt; einen Löffel Rohrzucker dazu, und umgerührt. Immer wieder abgeschmeckt, nachgefüllt; bis es erreicht war: Das Prickeln. Der charakteristische Geschmack; sauer und süß zugleich, die Zunge kann sich nicht entscheiden, sie will es auch gar nicht, und sie schmeckt und schmeckt, und kann nicht genug bekommen.

Irgendwann saß R. auf der Fensterbank, rauchend und gestikulierend, und wir lauschten gespannt, und dann lachten wir und es war spät geworden. Flüchtig die Augen verziert, die Wimpern in Tusche getunkt - „Es ist schon so lange her!“ - und in irgendein Top geschlüpft, das sich gut anfühlte. Soll ich die Schuhe anziehen?, die schwarzen? Dann aber eine andere Hose, sagt M., und ich frage, Soll ich?, und sie sagt, Man muss zeigen, was man hat!

Lachend also in die Hose schlüpfen und sich leise fragen, was bei gegenteiliger Entscheidung anderes passieren würde; andere Hose, andere Schuhe, anderes Gefühl – Aber nicht im Paralleluniversum versinken, weil dazu keine Zeit ist. Das Geld vergesse ich auf dem Kopfkissen, aber das merke ich erst, als ich später an der Bar stehe; das Handy stecke ich ein, den Schlüssel, den Ausweis. Jemand greift die Sektflasche, und die Bahn kommt zu spät, aber das macht nichts, und wir albern und fahren der Party entgegen.