14/07/2012

taint my mind but not my soul

„Wer hat dir beigebracht so zu küssen?“, fragt sie, und ich denke,
Jetzt übertreib mal nicht. Ich streiche ihr durchs Haar und lächle.

„Nein, ernsthaft.“ Sie greift mein Handgelenk, unterbricht meine Bewegung und schaut mich an. Klarer Blick aus nachtmüden Augen. „Wer?“

Ich will sagen, dass man Küssen nicht lernen kann; dass niemand einem beibringt, wie man zu küssen hat; dass man es eben so tut, wie man es tut, und dass es trotzdem nie wieder so sein wird, wie es war als man zum ersten Mal verstand, was Küssen ist. Was es sein kann. Ich will sagen, dass niemand, niemand das Recht auf meine Küsse gepachtet hat, und dass vielleicht genau darin das Geheimnis liegt.

„Ich war mal verliebt“, sage ich stattdessen. „Einmal. Sie hat es mir beigebracht, schätze ich." Ihr Blick verändert sich, ganz leicht, bloß um eine Nuance.

„Bist du drüber hinweg?“

Unsere Gesichter sind höchstens eine Handbreit voneinander entfernt. Ich zögere einen Moment, und überrasche mich selbst damit. Die Antwort auf diese Frage ist noch immer nicht griffbereit, ist noch immer behutsames Hineinhorchen – wie das Lauschen auf ein Echo, mit der Hoffnung, es möge verhallt sein.

„Ja“, sage ich dann, „Ich denke schon.“ Was bedeutet schon Wahrheit?

„Ich war auch mal verliebt. Ist länger her.“

„Man ist nie ganz drüber hinweg.“, sage ich, und sie nickt, und versteht, und wir begraben die Nacht unter Träumen.

06/07/2012

and fly around in circles

„Das ist genau die Frage, bei der ich gerade angekommen bin.“ Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar, durch den frisch geschnittenen Schopf; hinten beinahe stoppelkurz, aber vorn in schelmische Strähnen fallend.

Wenn alles, was du denkst, bereits gedacht worden ist, und alles längst irgendwo geschrieben steht – Wieso dann überhaupt denken? Wozu? Und wofür dann leben? Irgendwie hatte das Gespräch uns an diesem Punkt angespült. Ich hatte die Worte ausgesprochen, und jetzt blitzten ihre Augen mir zu, mit einer Mischung aus Befriedigung und ruhiger Neugier.

Wozu denken? Wozu leben?

„Für sich selbst.“ Ich erwiderte ihren Blick mit einer Klarheit, die ich gar nicht von mir kannte, und wandte mich dann wieder meinem Teller zu. Ein Streifen Möhre wanderte, aufgespießt von Gabelzinken, in meinen Mund, und ich kaute, und schaute sie an, und wusste, es würde keine Erwiderung geben; ich hatte auch keine erwartet.