05/11/2012

footsteps on the concrete

Noch kleben ein paar Blätter wie vergessen an Astspitzen.

Die meisten finden sich am Boden wieder, in spielerischen Kreiseln, und dann vermatscht, verrottend. Die Kälte greift den Menschen ungeniert dahin, wo es sie ohnehin schon friert. Der Wind fährt ihnen beschwichtigend durchs Haar.  

Er sagt: Langeweile führt zu Stumpfsinn. Langeweile, und dieser damit verknüpfte, ständige Drang nach Neuem, nach neuer Information, neuem Geschehnis in allem, bloß nicht in der eigenen Welt; ich weiß nicht, das macht mich krank. Ich klicke, ich rase durch virtuelle Räume, grase sie nach Worten ab, nach neuen Worten, und dort war ich schon, aber hier noch nicht, und hier finde ich nur, was bereits bekannt ist, also: weiter. Weiter, klick, ich komme nicht zur Ruhe, ich kann die Sucht nicht stillen, diesen Durst; es gibt so vieles, was entdeckt werden will, und wenn ich nur einen Moment inne halte, steigt der Durst mir wieder die Kehle hoch, trocknet mir den Mund und lässt mich lechzen nach mehr.

Ich bin überzeugt, dass jede Person, die es im Sinne der Gesellschaft heutzutage – oder jemals – „zu etwas gebracht“ hat, irgendwann an einen Punkt gekommen ist, an dem sie sich dachte: So nicht. So geht es nicht mehr weiter, so will ich nicht weitermachen. Und manche kommen über diesen Punkt nicht hinaus; manche gehen weiterhin den bequemen Weg, den, der es ihnen ermöglicht, während der Arbeit im Bett liegen zu bleiben. 

Sie gehen den Weg, der sich von selbst geht; den, nach dem sich niemand die Finger leckt, den aber auch niemand von der Bettkante stößt. Sie gehen ihn, weil sie sich dabei die Langeweile mit banalen Ablenkungen vertreiben können, und mit Gedanken an das, was war und sein könnte. Ihr Weg ist barrierefrei, ist schrankenlos und zu beiden Seiten von Geländer umrahmt. Sie laufen keine Gefahr. 

Wenn sie schwanken, weil irgendwo aus unbestapftem Gelände etwas nach ihnen ruft, dann drehen sie die Ohrstöpsel nur ein wenig fester in ihre Ohren. Wenn die Erde unter ihnen bebt, runzeln sie leicht die Stirn, und ziehen die Bettdecke bis ans Kinn.

Sie gehen ihn, weil das belegte Brot greifbar und ein Schatz so viel mühsamer aufzuspüren ist. Sie gehen ihn, weil das, was Langeweile bringt, so weit von dem entfernt zu sein scheint, was sich Schmerz nennt. Sie gehen ihn, weil links und rechts von ihnen Träume verwesen, und sie schütteln den Kopf über Leichtsinn. 

Und sie wissen nichts.

4 comments:

  1. Ob zum träumen leichtsinn gehört ... oder mut?

    ReplyDelete
    Replies
    1. Sicher beides. Leichtsinn und Schwermut ;)

      Delete
  2. ein weiser text! danke fürs teilen!!!
    liebe grüsse
    sofasophia

    ReplyDelete
  3. Sie gehen den Weg, der sich von selbst geht;
    (...) Sie gehen ihn, weil links und rechts von ihnen Träume verwesen, und sie schütteln den Kopf über Leichtsinn.

    Wahnsinns zeile genau so ist es

    und ich würde sagen es gehört mut dazu, so viel Mut dass die träume nicht verwesen, oder Realismus, um eine der besten deutschen bands zu zitieren: "gewöhn dich daran träume sterben irgendwann"

    ReplyDelete