3/10/2012

quarter past going too well

Ich drehe den Kopf. Sonne läuft mir aus den Augenwinkeln. Die Beine ziehe ich an meinen Körper, und lasse mich bescheinen. Lasse mich wärmen, und taue langsam auf.

Was man wie etwas Wertvolles betrachtet, das wird zu etwas Wertvollem, denke ich und atme die klare Luft. Denke ich und fühle ich; denn auf einmal ist der Ort, an dem ich meine Ferien verbringe, nicht mehr der, an dem ich mich nie wirklich heimisch fühlte, und auch nicht mehr behangen mit graumelierten Selbstmitleidsphasen. Selbstfindung, Selbsthass; der Fokus bewegt sich von mir weg, ich sehe jetzt, wolkenfrei. Der Himmel malt die Dächer blau; ein verwaschener Schriftzug auf der Straße lässt mich milde sein, besinnend lächeln.

Fühlt sich auf einmal richtig an, hier entlang zu laufen; ich stelle mir vor, es sei ein anderer Ort in einer anderen Stadt, in einem anderen Land, und ich fühle mich mutig und verwegen. Es könnte jede Stadt sein, und jedes Land, und doch bin ich hier, und ich laufe weiter und betrachte flüchtig meine Silhouette im Schaufenster.

Gar nicht so schlecht, finde ich, hast du es getroffen. Laufe weiter, und lasse meine Finger über die Knöpfe des Zigarettenautomaten klicken. Laufe weiter, und kicke einen Kiesel vor mir her, bis er kicksend und kreiselnd im Gulli verschwindet.

Ich laufe, und die Schwere fällt Stück für Stück von mir ab; diese melancholische Düsterkeit, die mich überkommt, immer wieder. Wie eine Angewohnheit, die man nicht abschütteln kann; immer wieder falle ich in die gleiche Perspektive zurück, in diese, die mir nicht gut tut, und obwohl ich das weiß, stehe ich nur dabei, stehe sozusagen am Rand und lasse es geschehen.

2/27/2012

with one dream on repeat

Liebe A.,

dies ist der letzte Brief, den ich dir schreiben werde. Und ich schreibe schon diesen gar nicht mehr an dich, sondern vielmehr für mich; ganz einfach, um damit abzuschließen. Um wirklich, wirklich und endlich damit abzuschließen.

Dabei gibt es gar nicht viel zu sagen. Was zählt ist, wie es ausging. Wie ein paar kurze, rasch gewechselte Worte gereicht haben, unsere Vergangenheit, die Beziehung, die wir zueinander hatten, in ein völlig anderes Licht zu tauchen. In das Licht, das ich zu vermeiden suchte; in dieses grelle, unfreundliche. Keine Beschönigung, kein dämmerndes Umschmeicheln. Heller noch als Tageslicht; mehr diesem in den Umkleidekabinen ähnlich, und man schaut in den Spiegel und möchte sich die Haare raufen, wenn sie sich dann nicht nur noch weiter vom Ideal entfernen würden.

Deine Worte also, und dieses Licht. Und auf einmal sah ich klar. Ich sah meine Wunden, und wie sie erneut aufrissen, ein letztes Mal. Ich sah, wie du gezielt, ganz gezielt auf diese meine Wunden ansetztest, um ohne Rücksicht zuzustoßen.

Ich sah dir zu, A., und dann wandte ich mich ab.

2/16/2012

a little honey for my soul

Stummer Tumult in meinem Kopf. Chaos, das Fäden zieht.

Überhastet ins Bad gestürmt; grob das Gesicht mit Wasser benetzt, den Mund aufgeschäumt, durchs Haar gefahren. Aus der Haut gefahren, aus dem Kleid, der Unterwäsche; Rauch und dumpfe Kellermusik wabern über dem Kleiderhaufen. Ins Bett gekrochen und nach draußen gelauscht; Schritte im Treppenhaus. Eine Tür schleift über Holzboden und wird ins Schloss gedrückt. Ich lausche, und denke, dass sie nicht wiederkommen wird.

Ich denke, sie wird in ihrem eigenen Bett schlafen wollen, und das ist in Ordnung so, natürlich ist es das.

Als sie die Tür öffnet, hebe ich schläfrig den Kopf. Sie sagt irgendwas, und kriecht zu mir unter die Decke. Sie zittert; es ist kalt gewesen, draußen, im Flur, und ich spüre den Impuls, sie in den Arm zu nehmen, sie zu beruhigen, zu wärmen. Ich schmiege mich an sie, um ihr von meiner Wärme abzugeben; sie zieht die Luft durch die Zähne hindurch beim Atmen, und dabei entsteht dieses zischelnde, zittrige Geräusch.

Ich ziehe sie an mich. Ich atme ruhig, betont ruhig, und warte darauf, dass mein Rhythmus sich auf sie überträgt, dass sie ihn wahrnimmt und sich daran festhalten kann. Ich halte ihre Hand. Ihre Finger sind ganz dünn, und klein, und kalt; ich breche ihre Faust auf und flechte unsere Finger ineinander.

Ich bin da, denke ich, und denke doch einfach nur nichts. Als ich mit meinem Mund nach ihrem dränge, spüre ich sie zögern. Ihre Lippen geben meinen nach. Sie ist weich und warm.

Eng umschlungen, zu einem Wesen verschmolzen, schlafen wir ein.

1/29/2012

until my heart freezes sober

Wir sitzen auf der Bank; ab und zu werfe ich dir einen Blick zu, behutsam, unverstellt. Die Bartstoppeln auf deinen Wangen; ich denke, wie es sich wohl anfühlen würde - Aber ich lasse den Gedanken nicht zu. Das geht jetzt nicht; es wäre Wahnsinn, nach allem was war.

Wir sind an der Brüstung entlang geschlendert, haben herunter gesehen auf die Stadt, und den Fluss, und die Touristen, die eifrig knipsend an uns vorbeihuschten. Ich habe die Bank ausgesucht; es ist die einzige, neben der kein Mülleimer steht. Ich habe mich gesetzt, während du noch die Ruine nach einem Zeichen absuchtest, vergeblich Zeit schindend, den Augenblick herauszögernd. Jetzt sind wir einander noch gut gestellt, jetzt ist es zwar verdammt seltsam, und unbehaglich, und unsicher, aber -

Du setzt dich; ich nehme ganz deutlich den Abstand wahr, den du zu mir, zu meinem Körper einhältst. Der Abstand ist zu groß für das, was ich empfinde. Er ist zu groß für das, was ich von dir hören will; und ich ahne schon, ahne, dass bei aller Blödelei und allem Gescherze, das eben noch die Stimmung aufgelockert hat, nun nichts Gutes folgen wird.
  

1/22/2012

on a waltz of hypocrisy

Als ich endlich, unendlich umständlich, den BH zurecht gerückt habe, geht alles ganz schnell.

Ich schlüpfe in die restlichen Kleidungsstücke, schnüre die Schuhe, werfe einen Blick aus dem Fenster. Die Scheibe ist beschlagen, also wische ich mir ein Guckloch; der Poet liegt auf dem Bett und schaut mir zu. Vielleicht schaut er auch ins Leere; jedenfalls sagt er nichts, liegt da bloß, und als ich den letzten Mantelknopf schließe, höre ich mich „Also dann“ sagen, und „Mach's gut“.

Er reagiert kaum, schaut auf, wie ein Hund, den man geschlagen hat. Er nickt und lächelt schief, sein Blick verliert sich in einem Punkt über meiner linken Schulter. Ich denke, so kann ich doch jetzt nicht gehen, und dann stehe ich schon draußen.

Regentropfen durchziehen die Luft.

Ich atme tief durch und beginne den Abstieg.

1/19/2012

breathing comes in pairs, except for twice

Dies ist eine Danksagung an die Stimmen aus dem Off.

  unerwartet
waerme spueren,
    waerme unbekannter art

erstmals erfuellt die
    zuneigung fremder
  stimmen mich mit
   zuversicht.

 ein zuruf aus
    gesichtsloser menge
   gibt mir kraft.
                 mut.
              trost, gar!

fuehlt sich an wie:
  jemand ist bei mir
und: hier falle ich weich.

1/03/2012

in love with a dying man

Ich glaube langsam, nur Frauen können so küssen.
Oder vielleicht kann ich nur bei Frauen so empfinden.

Es war ein Rausch, ein Strudel aus Lichtern. Ringsum warfen sich die Menschen einander in die Arme, und irgendwo brannten knatternde, pfeifende Raketen Löcher in die nassklamme Luft. Ich hatte ihr spontan einen Kuss mitten auf den Mund gedrückt, und sie hatte getaumelt und gelächelt, und dann hatten wir uns allesamt umarmt.

Ich hatte N. gesehen, in einem flüchtigen Moment, einen oder zwei Meter entfernt von mir; beinahe hätte ich die Hand nach ihr ausgestreckt. Habe ich gerufen? Dann war sie weg, von der Menge verschluckt, von der Menge und dem allgemeinen Gekreische und Gerufe. Sie war weg, und es war Zwölf, das neue Jahr brach an, und ich würde es nicht ohne mich beginnen lassen.

Also das Leben beim Schopf gepackt, das Mädchen an der Hand, es auf den Mund geküsst. Und später noch mal, und länger, und sich verloren im Kuss. Verloren gegangen am Kuss selbst, um des Kusses Willen.

Das Mädchen war ohnehin längst zu einer anderen geworden; sie war nicht mehr die, die vorhin in der Küche gelacht und geredet und Punsch getrunken hatte. Sie war die Hübsche aus meinem Kurs, die mit dem schönen Mund. Sie war ein bisschen N. und ein bisschen Katze, ein bisschen von jeder, und ich wusste, dass auch ich für sie zu einer anderen wurde, für den Moment.

Für diese Nacht.