Ein kleines blondes Mädchen, entzückend kindlich, entzückend zart und spitzbübisch zugleich, mit hellen, wachen Augen, betrachtet staunend eine Ansammlung von Ameisen auf dem Trottoir, wie sie durcheinander wimmeln und doch zielstrebig, eine gewisse Ordnung bilden.
Dann stampft es mit dem Fuß in das Gewusel, nicht aggressiv, nicht boshaft, nur versuchsweise, beinahe vorsichtig. Aber mit Nachdruck. Da gerät die ältere Schwester außer Fassung.
"Nicht – tot – machen!"
Ebenso blond, ebenso wacher Blick, ein wenig größer; und sie besteht darauf. Hockt sich zum näheren Begutachten des Schadens auf den Weg.
"Es gibt doch genug", sagt die Kleinere, und tritt aus dem Gewusel heraus.
a hazy sense of evidence
summer days drifting away
wir brettern über die Autobahn.
Ihr Zimmer ist nur provisorisch hergerichtet, eine Matratze in der Ecke, ein paar alte Kommoden, der Schlüssel knarrt im Schloss, da liegt eine leicht angestaubte Bibel, ein orientalisch anmutendes Schmuckkästchen ohne Inhalt, ich luge vorsichtig hinein, schließe den Deckel dann enttäuscht wieder. Kitschige Engelsbildchen häufen sich, ich schiebe sie beiseite, greife nach dem Photoapparat im hintersten Eck. Klobig liegt er in der Hand, laut klicksurrend der Auslöser, es ist kein Film eingelegt, ich schieße trotzdem Photos; eins von den Regentropfen an der Fensterscheibe, eins von unserem Schlaflager auf dem Boden, der zurückgeschlagenen Bettdecke.
Eins vom nassen Rasengrün da draußen.
Die Tür geht auf, ich drücke den Auslöser; erschrocken zuckt sie zurück, reißt die Hände vors Gesicht. Ich lache über ihren verdutzten Gesichtsausdruck, kein Film drin, erkläre ich, lege die Kamera zurück, schweren Herzens, noch ein wenig Staub weggestreichelt.
Und ich hätte gern ein Photo von ihrem schiefen Lächeln gemacht, dieses schiefe Lächeln mit zusammengekniffenen Augen, wenn sie mich so anschaut, und dann muss ich lachen und ihre Mundwinkel kräuseln sich, noch mehr, noch ein bisschen mehr, bis ich schnell die Augen schließe, weil dieser Blick alles in mir kribbeln lässt.
Wie sie neben mir lag und alles an mir strebte zu ihr hin, aber ich traute mich nicht, traute mich partout nicht, sie zu berühren, obwohl die Nacht doch so intensiv, so zärtlich gewesen war. Erst nach einer Weile des stummen, blinzelnden, halbgelachten Nebeneinanderliegens endlich meine Hand in ihre gelegt, und da lag sie in einer Kuhle und wurde gestreichelt, sachte Bewegungen, fast schon zu viel.
Eigentlich zu wenig.
looking for the golden lie
also tanzen, beobachten, ein bisschen sehnen,
so für mich.
Und dann, vielleicht für einen Moment in Gedanken versunken, plötzlich war sie da, dunkelkurze Haare, weite Jeans. Ein bisschen tanzen, scheu gelächelt, Gedankenrasen im Kopf, und dann greift sie nach meiner Hand und fragt, Rauchen? Ich nicke, sie vergewissert sich, ich denkedenke im Kreis, immer im Kreis, und rauchen führt zu küssen führt zu küssen und, weißt du, das will ich jetzt.
Nutz’ mich aus, ich bin wie benommen, ihre Freundinnen verfolgen uns, belauern uns, ich erzähle ein bisschen und sie fragt, ob es nur Spaß ist, für mich. Ja, denke ich, ja, und schüttle den Kopf. Ihre großen, braunen Augen rühren etwas in mir an, und wie sie lächelt, und wie sie meine Hand nimmt, so vorsichtig, und sie lacht und scherzt mit allen, kennt alle, aber dann stehen wir draußen und ich drücke langsam den Zigarettenstummel aus, und sie schaut mich so an. Fragend. Willst du?, Willst du das?, fragen ihre Augen; ich lächle bloß und mein Blick flattert, ohne, dass ich es verhindern kann. Irgendwann, wieder verpasse ich den entscheidenden Moment, sind ihre Lippen auf meinen und es ist alles gut und vertraut.
Und warm.
Eine von ihnen bringt mich zum Lachen, ich fahre, sagt sie, und schneidet eine Grimasse, lehnt am Tisch und trinkt Cola und schaut belustigt zu, wie wir zu einem dieser Lieder tanzen, deren Refrain jeder mitgrölen kann. Dann küsst D. mich wieder, und ich spüre kaum so etwas wie Irritation oder Scham, weil mir jeder zusehen kann, vielmehr wachsende Selbstsicherheit, und dieser Wechsel aus Tanzen und Unterhalten und Lachen löst ein summendes Wohlgefühl in mir aus. Wie spät ist es, fragt sie, wieso musst du bald gehen. Ich lege einen Finger an ihre Lippen. Shh.
Will you release me, fragt der Sänger, with a kiss, frage ich, das Wort geht fließend in seine Bedeutung über; mehr Tanzen, mehr Küssen. Meine Lippen ganz dicht vor ihren, ganz nah, ich flüstere die Worte, and I touched your face, ganz nah, halb Kuss, halb Explosion, and I called your name, und ich frage mich, weiß sie überhaupt noch, wie ich heiße, und warum ist das auf einmal wichtig; das durchzuckt mich, dann Abschied, ich gehe, sage ich, und ihren Blick halte ich nicht aus, also schnell weg, schnell weg.
Mit heller Freude im Bauch; jeder Meter Entfernung lässt mich ein wenig mehr begreifen, was passiert ist, und ich muss das Strahlen in meinem Gesicht herunterdimmen, die Freundinnen schauen schon so wissend. Erzähl', rufen ihre Blicke.
Bestimmt werde ich rot.
and your mind is full of red
auf einem der Stühle, ich hatte mir Zeit gelassen.
– Ich dachte, ich warte auf dich.
Klischee Hinterhof. Vertrocknet, verschmutzt, verwahrlost. Die Hauswand starrt vor Dreck, der sich über Jahre hinweg kratzend und spuckend angeschmeichelt hat; aufgerissen haben Wind und Wetter den Putz, entblößen glasfaseriges Dämmmaterial, ein fingerdicker Draht zieht sich quer über das geschundene Bild.
In alter, bitterer Freundschaft lehnt die Treppe ein wenig schief an dieser Kneipe, das Geländer ächzt lautlos. Bröselige, bemooste, betrunkene Treppe. Man kann eine Straßenlaterne sehen, wenn man die Mühe nicht scheut und sich auf eine der oberen Stufen setzt, zwischen Geländer und Hauswand, zwischen Mülltonnen und Sternenhimmel; eingeklemmt der Mond, ein bisschen mehr als nur halb, seltsam unförmig, seltsam blass, es lohnt sich kaum, für ihn den Kopf zu drehen, nach links-hinten-oben, aber man tut es doch.
Und die Zigarette zwischen den Fingern glimmt gierig auf, ruhig atmet man ein, die Geräusche von der Straße, die Musikfetzen, jemand lacht hell auf, eine Katze kreischt. Ich atme bloß, ein und aus, und das ist auch schon alles, was ich jetzt tun kann, fühle ich.
Später kommt jemand, und wir schubsen und raufen scherzhaft, schnaufen herzhaft, ein Kuss liegt in der Luft, aber ich kann ihn nicht spüren.
you said you wanted to crawl down deep inside
Der Körper bricht nicht zusammen.
Er schaltet ab.
Verschwommene Gesichtszüge treffen in Blau aufeinander, treffen aufeinander und prallen voneinander ab, prallen ab, wie in Zeitlupe muss man sich das vorstellen, unendlich langsam, unendlich gewaltig.
Sätze ziehen wie geradlinige Schnüre an mir vorbei, an mir, an meinem inneren Auge, falls es das gibt, gibt es das? Der Atem geht ruhiger, tiefer jeder Atemzug, und vielleicht ist das der einzige Zustand, in dem man nicht mehr versucht, sich gegen irgendetwas zu wehren; diese schleierähnliche Müdigkeit.
Ja. Nein. Abbrechen.
staring at emotion in the light of day
mein Lebensgefühl.
Das ich mir aufgebaut hatte. Gott, die Luft anzuhalten ist bedrückend, geradezu grauenhaft, wenn dir die Luft ausgeht und du siehst, der Weg zur Luft ist länger als geplant, und die Lungen schreien nach Sauerstoff, schreien dich an, wieso bist du nicht schneller, wieso dauert das so lange, Luft, Luft!
Risse in den Zähnen.
Trockengeriebene Augen.
Blinkende Lichter, rot.
Ich rutsche weg, jedes Mal, wenn ich es versuche, versuche, es einzufangen, das Gefühl. Das Gefühl. Ich dachte, es würde genügen, ich mir selbst und dass ich jederzeit wieder zurück könnte. Fuck. Fuck.
Durch die Stadt. Kopfsteinpflastergestolper. Gesichter im Schnelldurchlauf, zu schnell, um sie sich einzuprägen, wozu auch, wozu es überhaupt versuchen, vorbei, vorbei. Blick bleibt hängen, ein scheues Lächeln, nach mir ausgeworfen, ich lächle zurück, weißnichtwie, vielleicht neugierig, vielleicht nur freundlich. (Bestimmt neugierig.) Ich mag das, so zu schauen, irgendwie interessiert, aber nicht übermäßig, eher abwartend, und mit diesem leisen Kitzel. Das Mädchen mit dem scheuen Lächeln ist mit seiner Großmutter da, später sehe ich es noch einmal, dieses Mal verfehlen sich unsere Blicke, aber sie sieht mich an, das ist alles.
Das spürt man.
no promises, no demands
auf den Bürgersteigen.
Aber der Mensch ist nicht geschaffen für Leid. Der Mensch ernährt sich von den Tagen, an denen die Sonne die Wolken wegschmilzt und die richtigen Lieder aus den Kopfhörern schwappen, eins nach dem anderen.
Er lebt. Für die Tage, an denen man sich keinerlei Gedanken darüber macht, was die Leute denken könnten, wenn man pfeifend dahinschlendert und ab und zu in einen hüpfenden Laufschritt verfällt, oder dann doch laut mitsingt, weil man es nicht aushält, weil es eben so aus einem herausbricht, und weshalb zurückhalten?
Die Welt ist schön!