watching hastiness unfold

Der rot-violette Fleck an meinem Hals verblasst schon. 

Nach Minze hat sie geschmeckt, und ein bisschen süß. Ein bisschen salzig, und anders als gedacht. Alles an ihr ist Verwandlung, Transformation: Von dem Bild, das ich ursprünglich von ihr hatte – dem Mädchen, als das ich sie kennen lernte – bis hin zu der Person, die sich mir jetzt zeigt. Die sagt, Du riechst unglaublich gut, und beginnt, mich zu verschlingen. Die mich an sich presst, ganz fest. Deren leidenschaftliche Gier selbst in Atempausen nur schlummert, nie versiegt.

Eigentlich hätte ich es ahnen können. Als sie in der Schlange wartete und mir zuwinkte. Als unsere Arme auf der Lehne zwischen den Kinositzen aneinander lehnten. Als sie von der Toilette zurückkam und die Haare auf einmal offen trug. Aber ich hatte nicht damit gerechnet. Niemals.

Zwar ihre Hand gehalten, ganz natürlich, und angenehm, aber in keinster Weise zu irgendetwas verpflichtend. Locker-leicht, beschwingt. Und später, mir aus der Jacke helfend, sagt sie, „See, I'm undressing you!“ und zwinkert, und wir lachen, und es ist halb Spaß, halb Ernst, aber letzteres wiegt so wenig, dass ich ihn mir aus dem Kopf schütteln kann. Wir stoßen klingend Gläser zusammen, und wann immer unsere Finger sich streifen, ist es gut. Ist vertraut und warm und – so einfach.

Dann stolpern wir durch die Küche; Tanzschritte will sie mir zeigen, und ich bocke und lache und auf einmal liegt ihr Mund auf meinem, und alles in mir wirft sich ihr entgegen. 

taint my mind but not my soul

„Wer hat dir beigebracht so zu küssen?“, fragt sie, und ich denke,
Jetzt übertreib mal nicht. Ich streiche ihr durchs Haar und lächle.

„Nein, ernsthaft.“ Sie greift mein Handgelenk, unterbricht meine Bewegung und schaut mich an. Klarer Blick aus nachtmüden Augen. „Wer?“

Ich will sagen, dass man Küssen nicht lernen kann; dass niemand einem beibringt, wie man zu küssen hat; dass man es eben so tut, wie man es tut, und dass es trotzdem nie wieder so sein wird, wie es war als man zum ersten Mal verstand, was Küssen ist. Was es sein kann. Ich will sagen, dass niemand, niemand das Recht auf meine Küsse gepachtet hat, und dass vielleicht genau darin das Geheimnis liegt.

„Ich war mal verliebt“, sage ich stattdessen. „Einmal. Sie hat es mir beigebracht, schätze ich." Ihr Blick verändert sich, ganz leicht, bloß um eine Nuance.

„Bist du drüber hinweg?“

Unsere Gesichter sind höchstens eine Handbreit voneinander entfernt. Ich zögere einen Moment, und überrasche mich selbst damit. Die Antwort auf diese Frage ist noch immer nicht griffbereit, ist noch immer behutsames Hineinhorchen – wie das Lauschen auf ein Echo, mit der Hoffnung, es möge verhallt sein.

„Ja“, sage ich dann, „Ich denke schon.“ Was bedeutet schon Wahrheit?

„Ich war auch mal verliebt. Ist länger her.“

„Man ist nie ganz drüber hinweg.“, sage ich, und sie nickt, und versteht, und wir begraben die Nacht unter Träumen.

and fly around in circles

„Das ist genau die Frage, bei der ich gerade angekommen bin.“ Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar, durch den frisch geschnittenen Schopf; hinten beinahe stoppelkurz, aber vorn in schelmische Strähnen fallend.

Wenn alles, was du denkst, bereits gedacht worden ist, und alles längst irgendwo geschrieben steht – Wieso dann überhaupt denken? Wozu? Und wofür dann leben? Irgendwie hatte das Gespräch uns an diesem Punkt angespült. Ich hatte die Worte ausgesprochen, und jetzt blitzten ihre Augen mir zu, mit einer Mischung aus Befriedigung und ruhiger Neugier.

Wozu denken? Wozu leben?

„Für sich selbst.“ Ich erwiderte ihren Blick mit einer Klarheit, die ich gar nicht von mir kannte, und wandte mich dann wieder meinem Teller zu. Ein Streifen Möhre wanderte, aufgespießt von Gabelzinken, in meinen Mund, und ich kaute, und schaute sie an, und wusste, es würde keine Erwiderung geben; ich hatte auch keine erwartet.

just a run and a jump

Die Zeit scheint vor mir davonzulaufen. Mitunter flüstert mir das Tick-Tack des Sekundenzeigers zu: Es geht los. Es geht los. Du bist jung, aber wie lange noch? Es hat längst begonnen.

Verstehst du, ich liege im Bett, aber es hat längst begonnen, das Leben. Ich bin noch immer hier, und weiß nichts mit mir anzufangen; und die Möglichkeit schleicht sich ein, dass ich das vielleicht auch nie wissen werde. Wenn man noch zur Schule geht – das ist wie eine Schonfrist. Du weißt, das Leben hat noch nicht begonnen, nicht wirklich, und wenn es losgeht, wird es groß. Du wirst groß sein, und große Dinge tun, und dass diese großen Dinge in deiner Vorstellung nur vage und als formlose, wabernde Masse existieren, kümmert dich nicht. Hat dich nicht zu kümmern, denn du hast ja: Zeit.

Und diese Zeit, die du noch hast, umgibt dich wie eine schützende Hülle; sie tropft dir von den Ohren und quietscht in deinen Schuhen. Aber sie nimmt ab. Sie nimmt immer mehr ab, diese Schicht, und anfangs spürst du es nicht, aber irgendwann sitzt du da, und schaust an dir herunter, und die Schonfrist ist abgelaufen, der Schutzlack abgeblättert, verlaufen, zerronnen. Du bist im Morgen angekommen, und es ist längst zu deinem Jetzt geworden.

Nur, dass du nicht vergessen kannst, dass dieses Jetzt mal ein Morgen war; ein hoffnungsvoll aufgeladenes Morgen, ein hüpfendes, sprühendes, Glück verheißendes Später. Ein leuchtendes Und dann.

Und dann ist jetzt. Und dann ist hier, das hier bin ich, wo bist du?

taking chances with rabies

Manchmal wacht man auf und ist schön. Und manchmal vergisst man diese Schönheit schon nach Sekunden, wie den Traum, in dem man eben noch gefangen war; manchmal verfliegt diese Schönheit im Laufe des Tages. Und manchmal bleibt sie eine Weile haften.

Niemand schreibt über das Glück, weil das Glück nicht analysiert werden will. Es wehrt sich dagegen, sich zerpflücken zu lassen; auseinander gerupft und in allen Einzelheiten ausgebreitet zu werden. Ich bin dann nur noch halb so schön, sagt es trotzig, und darum lässt man es in Ruhe; man lässt es in sich ruhen, dieses Gefühl, und richtet den Blick nie direkt darauf, nur scheu und zärtlich, ab und zu.

Und man weiß, man müsste versuchen, für dunkle Tage vorzusorgen – sich zu wappnen, denn die dunklen Tage kommen wieder. Aber das Glück scheint so friedlich, und so ohne die geringste Anwandlung zu gehen. Vielleicht bleibt es länger, dieses Mal, denkt man sich.

Vielleicht bleibt es – den Geschmack der Worte auf den Lippen:

Für immer?

to paint a picture of a frown

Ich verliere an Halt. Eine Rauchschlaufe ringelt sich elegant unter dem Rollladen hindurch, aus dem Fenster. Mein Fuß trifft seinen Schatten an der Wand. Ich verliere verliere verliere an Halt.

Setze ich auf die falschen Pferde, oder
1.) sind es nicht vielmehr die Pferde, die auf mich setzen?
2.) sind sie vielleicht am Ende doch die richtigen?

Und doch stehe ich noch. Ich stehe, ich atme und spreche und lache, und nur in ruhigen Momenten, wenn mein Blick abschweift und sich an einem unbestimmten Punkt verfängt, nur dann denke ich diese Gedanken, diese trübsinnigen, mich selbst bemitleidenden Trauerfäden. Dann bin ich kurz für mich, und die ohnmächtige, unfassbare Wut versucht, Farbe anzunehmen; und sie scheitert, immer wieder. Und ich tauche wieder auf, und atme und lache und spreche, und nichts scheint mir erstrebsamer, als einfach vergessen zu können. Keine farblose Wut mehr, keine Worte, die mir in den Gedärmen wühlen, und keine stumme Fassungslosigkeit.

run away from you, into your dream

Wie sie mich ansah, und in diesem Moment brachen sämtliche Barrikaden, stürzte das Bild, das ich von ihr hatte, lautlos in sich zusammen. Ihr Blick erinnerte mich an den eines Tieres; hastig, nervös witternd, auf dem Sprung. 

Ich hatte sie einige Stunden zuvor noch in der Stadt gesehen; sie war geradewegs an mir vorbeigelaufen während ich, an eine Wand gelehnt, gegen die Sonne blinzelte. Sie wirkte kalt, und abweisend. Auf arrogante Weise zielstrebig. Sie hatte mich nicht gesehen, oder selbiges vorgegeben. Aber später, im Kurs, hatte sie mir wieder so zugelächelt, dass mein Herz einen Satz machte. Auf dem Weg zur Kneipe hatte ich immer wieder einen Blick zurück geworfen, um sicherzugehen, dass sie tatsächlich noch da war. Sie lief allein; die Arme vor der Brust verschränkt, ihre Jacke zusammenhaltend.

Als sie kurz vor der Kneipe in eine Seitenstraße abbog, hatte ich mir gedacht, dass sie sich wohl umentschieden, dass sie nun doch keine Lust mehr hatte. Ich verstand nicht. Das Fahrrad war in Windeseile angekettet, dann spurtete ich los. Jemand tönte hinter mir her, was denn los sei, aber es war keine Zeit, etwas zu entgegnen. Sie war noch nicht weit gekommen, als ich nach ihr rief.

Es war einer dieser Momente, in denen man keine Zeit hat, sich einen Plan zurechtzulegen. Ich hatte keine Ahnung, was ich wollte; mich trieb die Ungewissheit, und der Trotz. Warum lächelte sie mir so zu, um dann in der nächsten Seitengasse zu verschwinden?

Und jetzt, anstelle der Arroganz und der Kälte, die ich von ihr erwartete, warf sie mir den Blick eines Tieres zu, das geschlagen wurde, und nun selbst vor liebkosender Hand zurückschreckt. „Hey“, sagte ich noch einmal. Ich war stehen geblieben als ich das erste Mal nach ihr gerufen hatte, als sei das nicht möglich: Laufen und Rufen zugleich. „Ich dachte, du kommst heute mit?“ Das Fragezeichen klang deutlich an, aber nicht fordernd, nicht beschuldigend. Ein Lächeln zuckte über ihr Gesicht. „Ja, ich“, setzte sie an, „Ich kann nicht, da sind zu viele... Zu viele Menschen. Das ist … Das ist zu viel für mich, …“ Ich starrte sie an. Damit hatte ich nicht gerechnet. 

Mühsam schaltete ich. Was sagst du jetzt, zermarterte sich mein Gehirn, was, wie! „Wie heißt du?“ Die Frage war so unpassend wie naheliegend. Seit zwei Wochen rätselte ich schon, wie sie wohl heißen mochte. „A.“, sagte sie, und mich schüttelte innerlich ein hysterischer Lachkrampf. Der Name scheint sich wie ein roter Faden durch mein Leben zu ziehen. „Ich bin J.“, sagte ich, und ging ihr langsam entgegen. Vielleicht wusste sie das schon, aber es schien mir wichtig, ihr im Gegenzug meinen Namen zu sagen. Scheu machte sie ebenfalls ein paar Schritte auf mich zu.

„Ich weiß, dass es lächerlich klingt“, sagte sie, und ich dachte, Absolut nicht, aber ausgerechnet von ihr? Tränen standen in ihren Augen, und ich spürte den Impuls, ihren Arm zu berühren, ihr haltgebend über den Rücken zu streichen. Würde es sie verschrecken? Wir setzten uns auf die Treppenstufen eines Hauseingangs, und sie begann, zu erzählen, als sei ich ihr vertraut; als seien wir einander vor Jahren begegnet und längst die besten Freundinnen.

Da ist was zwischen euch, sagte M. später. Die Frage ist nur, was. Mach dir nicht zu viel Hoffnung.