crumble to the sea

Sterben?, sagt sie. So bald wie möglich.

Mein Blick verengt sich. Sie steht da, ans Fenster gelehnt, eine Dose Bier in der Hand, und schaut vage ins Nichts.

"Warum tust du es dann nicht einfach."

Sie schaut auf, fragend, verwirrt; die Härte in meiner Stimme hat sie verletzt. Ihr Blick tastet mich ab.

"Ich will einen friedlichen Tod", sagt sie dann. "Deshalb."

"Dann nimm Tabletten", sage ich, "warum nimmst du nicht einfach Tabletten und bringst es hinter dich, verdammt."

Sie schaut mich still an. 

"Weil ich feige bin."

Den letzten Schluck kippe ich mir auf die Zunge, dann wird die Dose zerquetscht, und landet leise klappernd im Hinterhof.

Ich verstehe das irgendwie, sagt jemand, der dabei steht, und ich muss mir den Mist nicht anhören, muss mir keine Diskussion darüber anhören, wie lebenswert das Leben denn nun wirklich ist, und überhaupt, sind wir nicht alle ein bisschen suizidgefährdet. Hatten wir diese Gedanken nicht alle schon mal, Nein, sage ich laut, ich verstehe das nicht.

a thread to begin

Du bist so unsicher, wirft sie mir vor. Und sie hat recht, es mir vorzuwerfen. Ich stolpere durchs Leben und rede mir das Unbequeme dramatisch, und das Schöne zu Scherben.  

Manchmal muss man ein paar Zeilen löschen, um neue Worte zu schöpfen. Ich bin ein bisschen wie im Halbschlaf; ein bisschen nicht da, obwohl das nicht stimmt, jedenfalls nicht immer, und eigentlich nicht oft. Ich bin schon da, und ich sehe und nehme wahr und existiere, aber nichts davon hinterlässt einen Eindruck.  

Dass ich es nicht verstehe – könnte damit zusammenhängen, dass ich es selbst noch nie empfunden habe. Liebe. Dieses monströse, alles verschlingende Wort, so mächtig und platt zugleich; zu viele Füße sind schon darüber getrampelt, zu viele Hände haben sich danach ausgestreckt. 

Was ist, fragt sie, und ich finde mein Lächeln auf ihren Lippen wieder. Nichts, sage ich, und schmiege mich an sie, und drücke Küsse auf Lippen, Wange, Hals. Wärme umwogt mich. Wärme kitzelt in der Magengrube. Fest hält sie mich, und ich will meine Freude auf sie übertragen wissen, will, dass meine Küsse ihr sagen, was mein Mund sich zu formen weigert. Was sagen Worte schon. Dass sie immer so viel mit sich tragen, so viel implizieren müssen. Vor allem diese drei Worte; sie versprechen so viel. Und ich kann längst nicht sicher sein, auch nur die Hälfte dieser Versprechungen einhalten zu können. Ob ich es meine. 

Ob ich es will.

shut the door tight

Das ist jetzt zwei Jahre her.

       QM: Hey

                     Lass mal weggehen, irgendwann.
                        Lass uns feiern gehen, und die Welt vergessen.

                          Ja?

      A: Und dann?

       QMUnd dann -
                     Ihr dabei zusehen, wie sie sich auflöst.
                  Die Welt. Oder die Erinnerung daran.

heading downstream

Sie sitzt auf dem Teppichboden, Kopf gesenkt; Strähnen ihres dunklen Schopfes verbergen Stirn und Augen.

Ich: Ratlos, hilflos. Still. Dann rutsche ich zu ihr herüber, rutsche ganz nah an sie heran, ziehe ihren Kopf an meine Brust. Ein leises Schluchzen wringt sich aus ihrer. Meine Hand streicht ihren Rücken. Ich lehne den Kopf an ihren. Atme in ihre Schulterbeuge. Ich will, dass sie weiß: Das Leben geht weiter. Und dass sie weiß: Ich will ihr nah sein. Ihr Kraft geben. Ich drücke einen Kuss in ihren Nacken und weiß: Nichts davon hilft. Nicht wirklich. Ich kann es nur trotzdem versuchen.

inside your ancient eyes

Die Sonne malt mir Schattenmuster an die Wand. 

Aufgewacht. Blinzelnd: Urlaubsstimmung, ungestüme Freude; ich bin wieder Kind, die Welt wieder Spielplatz, und alles will entdeckt, betrachtet, gekostet werden. Kaum hat mich der letzte Tropfen Duschwasser berührt, zieht es mich schon hin, zum Fenster, zur Sonne, und obwohl das Fenster einen Spalt breit offen steht, gewinnt die Wärme die Überhand; streichelnde, liebkosende Wärme, ganz anders als alles, was der Winter zu bieten hat. Heizung, Kamin; nichts ist deren Wärme gegen das hier. 

Diese Wärme macht nicht schläfrig. Diese Wärme macht leicht, und froh. 

Aber da ist diese ständige Hast, das Aufspringen, der Wunsch nach Verbesserung. Perfektion? Die Möglichkeiten. Der Moment ist gut, und schön, das sehe ich, aber die Gedanken ruhen sich nicht aus; ein Kaffee, vielleicht, könnte den Moment noch besser machen, oder das Gefühl frisch geputzter Zähne. Vielleicht lieber Tee, aber was, wenn die Sonne dann nicht mehr – ? Sollte man vielleicht besser – ?

with truth the only key

Schlittschuh fahren, und jauchzen, und beinahe das Gleichgewicht verlieren, und Hände greifen.

Was ich 2012 lieben gelernt habe: Überdimensional große Badehandtücher. Knoblauch, in rauen Mengen. Funken über der Kerze. Öl auf Haut. Wissen, was kommt. Aufgerissene Augen, vor Aufregung, und Neugier, und Freude. Altes neu. Neues vertraut. Verändert fühlen. Tee kochen. Albern sein. Geküsst werden. Überall. 

Wenn wir uns so umschlingen, und nichts trennt uns voneinander als die Haut des jeweils anderen. Wenn sie so den Kopf schüttelt, weil ihr gefällt, wie ich tanze. Wenn sie sagt, dass ich schön bin, und ich spüre, dass der Protestschrei in meinem Inneren ein bisschen leiser geworden ist. Wenn sie die Augen geschlossen hält, und ich die Konturen ihres Gesichts mit dem Finger nachfahre. Ganz langsam.

Im Bett zu liegen, neben ihr; das ist wie eine Pause von der Welt. Es ist, als habe jemand eine Blase um uns gewoben während wir schliefen. Auf einmal gibt es ein Hier und ein Draußen, und alles, was zu letzterem gehört, ist ungemein farblos und besitzt kaum Gewicht. Auch an Reiz hat es eingebüßt. Mein Universum reicht bis zur Bettkante, vielleicht bis zur Zimmertür, und endet dort.

Wir wachen auf, und die Welt hat von ihrer Dringlichkeit verloren. Zeit kann mich nicht mehr drängen, nicht wirklich, und du bleibst einfach liegen, als der Wecker dich wachruft.

patchwork souls move closer

Ich sehe, wie du mich anschaust, und alles, was ich denken kann, ist, dass du es verdienst, genau so angesehen zu werden. 

Also lass mich, lass mich allein. Lass mich in Ruhe, ich meine es nicht so, bleib hier. Hör auf. Hör auf, so gut zu mir zu sein; hör auf, mich so anzuschauen. Ich kann nicht, kann dir nicht geben, was du suchst, ich will. Ich will es versuchen.

Ich stochere in einem Gefühlschaos, über das ich längst den Überblick verloren habe. Ich suche nach Struktur, nach dem kleinsten bisschen Halt, aber da ist nichts, nichts, dessen ich mir sicher sein kann. Was will ich, was will ich nicht; was gibt mir das Recht, zu entscheiden.

Wenn du mich ansiehst, mit dieser vollkommenen Offenheit. Da ist nichts Falsches in deinem Blick; nichts, was mir den Weg versperrt, absolut nichts. Alles, was mir entgegen strömt aus diesem Blick, ist Wärme. Wärme von einem solchen Ausmaß, dass ich mich schäme, sie anzunehmen. Ich schäme mich, wie man sich für ein viel zu großes Feuer schämen kann, wenn man der einzige ist, der sich daran wärmt, obwohl doch so viele frieren. 

Gib mir Schmerz. Gib mir Enttäuschung, und Wut, und Dunkelheit, denn das ist mir vertraut; das sind Dinge, mit denen ich etwas anfangen kann. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll; mit dem, was du mir anvertraut hast. Was du mir gibst. Du hast dich mir entgegen geworfen, noch sehr viel entschlossener, als ich geahnt hatte, und jetzt halte ich dich, und du mich, und wir uns gegenseitig, und ich warte auf den Fall. Aber du lässt nicht los.

Du hast noch immer nicht losgelassen.