and your mind is full of red

'Ich dachte, du gehst schon'; da saß er noch,
auf einem der Stühle, ich hatte mir Zeit gelassen.
– Ich dachte, ich warte auf dich.

Klischee Hinterhof. Vertrocknet, verschmutzt, verwahrlost. Die Hauswand starrt vor Dreck, der sich über Jahre hinweg kratzend und spuckend angeschmeichelt hat; aufgerissen haben Wind und Wetter den Putz, entblößen glasfaseriges Dämmmaterial, ein fingerdicker Draht zieht sich quer über das geschundene Bild.

In alter, bitterer Freundschaft lehnt die Treppe ein wenig schief an dieser Kneipe, das Geländer ächzt lautlos. Bröselige, bemooste, betrunkene Treppe. Man kann eine Straßenlaterne sehen, wenn man die Mühe nicht scheut und sich auf eine der oberen Stufen setzt, zwischen Geländer und Hauswand, zwischen Mülltonnen und Sternenhimmel; eingeklemmt der Mond, ein bisschen mehr als nur halb, seltsam unförmig, seltsam blass, es lohnt sich kaum, für ihn den Kopf zu drehen, nach links-hinten-oben, aber man tut es doch.

Und die Zigarette zwischen den Fingern glimmt gierig auf, ruhig atmet man ein, die Geräusche von der Straße, die Musikfetzen, jemand lacht hell auf, eine Katze kreischt. Ich atme bloß, ein und aus, und das ist auch schon alles, was ich jetzt tun kann, fühle ich.

Später kommt jemand, und wir schubsen und raufen scherzhaft, schnaufen herzhaft, ein Kuss liegt in der Luft, aber ich kann ihn nicht spüren.

you said you wanted to crawl down deep inside

Müde vom Schmerz.
Der Körper bricht nicht zusammen.
Er schaltet ab.

Verschwommene Gesichtszüge treffen in Blau aufeinander, treffen aufeinander und prallen voneinander ab, prallen ab, wie in Zeitlupe muss man sich das vorstellen, unendlich langsam, unendlich gewaltig.

Sätze ziehen wie geradlinige Schnüre an mir vorbei, an mir, an meinem inneren Auge, falls es das gibt, gibt es das? Der Atem geht ruhiger, tiefer jeder Atemzug, und vielleicht ist das der einzige Zustand, in dem man nicht mehr versucht, sich gegen irgendetwas zu wehren; diese schleierähnliche Müdigkeit.

Ja. Nein. Abbrechen.

staring at emotion in the light of day

Zwei Minuten unter Wasser, das Lebensgefühl ist weg,
mein Lebensgefühl.

Das ich mir aufgebaut hatte. Gott, die Luft anzuhalten ist bedrückend, geradezu grauenhaft, wenn dir die Luft ausgeht und du siehst, der Weg zur Luft ist länger als geplant, und die Lungen schreien nach Sauerstoff, schreien dich an, wieso bist du nicht schneller, wieso dauert das so lange, Luft, Luft!

Risse in den Zähnen.
Trockengeriebene Augen.
Blinkende Lichter, rot.

Ich rutsche weg, jedes Mal, wenn ich es versuche, versuche, es einzufangen, das Gefühl. Das Gefühl. Ich dachte, es würde genügen, ich mir selbst und dass ich jederzeit wieder zurück könnte. Fuck. Fuck.

Durch die Stadt. Kopfsteinpflastergestolper. Gesichter im Schnelldurchlauf, zu schnell, um sie sich einzuprägen, wozu auch, wozu es überhaupt versuchen, vorbei, vorbei. Blick bleibt hängen, ein scheues Lächeln, nach mir ausgeworfen, ich lächle zurück, weißnichtwie, vielleicht neugierig, vielleicht nur freundlich. (Bestimmt neugierig.) Ich mag das, so zu schauen, irgendwie interessiert, aber nicht übermäßig, eher abwartend, und mit diesem leisen Kitzel. Das Mädchen mit dem scheuen Lächeln ist mit seiner Großmutter da, später sehe ich es noch einmal, dieses Mal verfehlen sich unsere Blicke, aber sie sieht mich an, das ist alles.

Das spürt man.

no promises, no demands

Aufgequollene Regenwürmer liegen wie Gedärme
auf den Bürgersteigen.


Aber der Mensch ist nicht geschaffen für Leid. Der Mensch ernährt sich von den Tagen, an denen die Sonne die Wolken wegschmilzt und die richtigen Lieder aus den Kopfhörern schwappen, eins nach dem anderen.

Er lebt. Für die Tage, an denen man sich keinerlei Gedanken darüber macht, was die Leute denken könnten, wenn man pfeifend dahinschlendert und ab und zu in einen hüpfenden Laufschritt verfällt, oder dann doch laut mitsingt, weil man es nicht aushält, weil es eben so aus einem herausbricht, und weshalb zurückhalten?

Die Welt ist schön!

you can climb a ladder up to the sun

Sonne geschnuppert und
Lachen auf der Zunge geschmeckt,
grauen Schleier gelüftet,
jetzt wieder alles satt leuchtend,
grasgrün die Zehen kitzelnd.

Unbekümmert aufs Rad geschwungen, Blasen gelaufen, weitergelaufen, aus braunen Flaschen getrunken und Tüten in Mülleimern versenkt. Und oh, so warm, so leicht und warm, fast niederdrückend, aber noch nicht, noch nicht; genau richtig. (T-Shirt-warm, aber nicht Kurze-Hosen-warm; so warm, dass man zwar nebenbei etwas trinkt und das tut gut, aber nicht so, dass man lechzend nach Wasser brüllen möchte, jede Sekunde, weil man verglüht. Genau richtig.)

Und Bilder geschossen, die genau so aussehen, wie sie aussehen sollten; so ist es so war es so wird es sein.


Und angenehme Schläfrigkeit ausgekostet.
Und Erdkrumen zwischen den Fingern zerrieben.
Grashalme mit den Zehen ausgerupft.
Und die Strähne aus dem Gesicht gestrichen.

so, cameraman, swing the focus

Ich glaube, da, wo die Wahrheit versteckt ist, spürt man
dieses leise, kaum wahrnehmbare Ziehen.

Abends auf der Couch liegen und das Gefühl schleicht sich ein, es sei irgendwie falsch, so. Nicht falsch im Sinne von verkehrt und vollkommen unsinnig, hier zu liegen, vor dem Fernseher, mit den Eltern, in diesem Haus, aber eben doch auch nicht richtig, nicht das, was ich jetzt am liebsten tun würde, und mit wem, und wo. Es fühlt sich an, als ließe ich eine unnötig große Zeitspanne ungenutzt verstreichen; dabei könnte ich nicht einmal sagen, womit sie gefüllt werden sollte.

Nur so ein Gefühl.

Und dann lächle ich und kuschle mich ein wenig tiefer in meine Decke, und ich denke, für jeden ist da draußen jemand. Jemand, der einen schützend in den Arm nimmt, wenn man es braucht; jemand, der deine Hand festhält. Vielleicht sogar viele Jemands. Es gibt sie, es gibt schließlich so viele Menschen.

Ich muss sie nur finden.

maybe three seconds is enough

Ich hatte gedacht, ich könne mitspielen.

Aber mir war gar keine Rolle zugedacht, in ihrem Spiel,
verstehst du, ich war nur ein Spielzeug,
und zwar eins von vielen.

Und es ist unangenehm, wenn Spielzeuge Gefühle entwickeln,
wenn sie sich an dir festzuklammern versuchen;
schüttle sie ab, und schüttle sie schnell ab.

Spielzeuge, die zu schluchzen anfangen,
will doch niemand.


Auf der Tanzfläche suchte ich nach ihr, erst zögerlich und mit einem gewissen Schamgefühl, das ich nicht zuzuordnen wusste, dann mit wachsender Verzweiflung. Wo war sie nur, ich würde so gern mit ihr tanzen, wüsste sie so gern in meiner Nähe. Dann, da war sie, zu ihr hindurchgetanzt, durch die Menge, und schon war sie erneut verschwunden. Wieder. Wieder. Bis ich mir sicher war, dass sie mir aus dem Weg ging; dass sie mich zu meiden versuchte, und -

Dann sah ich sie mit diesem Kerl da stehen, der mich vorhin anzubaggern versucht hatte, und ich hatte ihn abblitzen lassen, ich war nicht in der Stimmung, ich konnte nicht mehr, ich war müde, ich war traurig.

Mit dem lachte sie jetzt und ich sah ihr dabei zu. Setzte mich in meinem Kleid auf die kalten Fliesen und sah ihnen dabei zu, wie sie sich über Belangloses unterhielten, nur um sich die Zeit zu vertreiben, die es eben dauert, bis man zum nächsten Level übergehen kann. Auf einer Party dauert das nicht lange. Auf einem Ball erst recht nicht. Ich saß da und wartete darauf, dass jemand käme und mich von hier wegholen würde. Vielleicht darauf, dass sie mich bemerkte und ihm den Rücken kehrte, mich vom Boden aufhob und mit Küssen bedeckte.

Und natürlich kam niemand, die beiden verließen den Tisch, ich schritt im Zeitlupentempo darauf zu und zerfetzte Rosenblätter mit meinen Fingern. Rosenblätter, die wie zum Spott auf den Tischen ausgestreut waren. Eine Tasche lag da noch, eine kleine schwarze, ob das ihre war? Hatte sie die hier vergessen? Und da kam sie schon, eilig angelaufen, die Tasche nehmen und tanzen gehen, das war der Plan, aber da stand ich, verstört, verstörend, und sie fragte, hey, alles in Ordnung? Und ich starrte vor mich hin und schüttelte den Kopf.

Schüttelte leise den Kopf, und sie fragte, ob ich darüber reden wolle, und ich wusste es nicht, ob das etwas bringen würde, aber ich wollte mit ihr reden, ja, mit ihr schon, also ja. Also um die Ecke auf den Boden gesetzt und ich fing an mit meinen Vorwürfen, mit meinen Erklärungen, und sie sagte, es tue ihr leid. Das habe nicht so wirken sollen, so sei es nicht gemeint gewesen; den Fehler mache sie immer.

Und in mir zerbrach irgendetwas. Immer, hallte es in meinem Kopf nach, und das schmerzte so unbeschreiblich, dieses Wort, und ich konnte nicht mehr, wollte nicht mehr, der Schmerz warf mich nieder. Geh' jetzt bitte, brachte ich noch heraus, Du machst es nur noch schlimmer. Und sie schaute ein wenig erschrocken, ein wenig verständnislos, und so unglaublich kalt, dass ich sie angefahren hätte, wäre sie nicht aufgestanden. Aber sie stand auf, sie fragte noch, Sicher? und schaute so weißnichtwie, dann ging sie.

Nach ein paar Sekunden schaute ich um die Ecke, wollte mich vergewissern, dass sie weg sei; so sehr wünschte ich, sie sei es nicht, und käme zurück um mich in die Arme zu schließen, und tatsächlich hatte sie kehrt gemacht und sah mich an. Und lief dann endgültig zur Tanzfläche.

Ich weiß nicht, welchen Ausdruck ich in meinem Gesicht kleben hatte. Ich weiß nur noch, wie sich dieser unglaubliche Schmerz angefühlt hat, und das weiß ich auch nur, weil er, wenn auch längst nicht so heftig, immer noch da ist. Ich muss bemitleidenswert ausgesehen haben, aber das hatte sie nicht, Mitleid, oder doch, und selbst wenn, ich war eine von vielen.

Nur eine von vielen, heulte ich später in L.s Armen, da wurde es mir erst bewusst, ich war wie aufgespießt und umhergeschwenkt, eine Trophäe, eine Beute, und diese Gefühle, die ich mir in meiner Welt zusammengesponnen hatte, hatten niemals existiert.