in a tent for twelve with fingers and elbows

Hunger und Appetit sind zurück, morgens, plötzlich bohrend, beinah schmerzhaft. Im Halbschlaf registriere ich, wie sie sich anzieht, im Nebenzimmer schminkt, wie sie ihre Haare glättet. "Nushki", sagt sie, als sie bemerkt, dass ich halbwach bin, und hält mir einen Pullover hin. Es ist der graue, der immer so riecht, als sei er nicht richtig getrocknet; wir wissen nicht, warum. Sie hält ihn mir hin und ich beschnuppere ihn, meine Nase halbverstopft, es ist kühl geworden in den letzten Tagen. Ich schnuppere eigentlich nur der Form halber, eigentlich weiß ich, dass der Geruch verschwunden ist seit der letzten Wäsche; 60 Grad haben ihn vertrieben. Irgendwie formuliere ich das, halb versunken aber eigentlich wach, und sie lacht und freut sich und sagt, dass sie mich liebt, und ich sage die Formel zurück und kuschle mich selig in die Decken und Kissen. Richtig bequem wird es nicht mehr, deshalb raffe ich mich auf, nach einer Weile. Wir frühstücken gemeinsam, ein paar Minuten nur, dann muss sie los.

Dann der erste kühle Tag, und ich erinnere mich an Beschwingtheit; ist es vielleicht das, was ich an meinem ersten Herbst fern von Zuhause fühlte? Auf einem anderen Kontinent; spürte ich da zum ersten Mal all die Möglichkeiten, die möglichen Zukünfte? Die Frische der Luft trägt eine Kraft in sich, anders als die des Sommers, eine herzhafte Frische, ein Mich kann nichts aufhalten. Ein Ich packe es an, und vielleicht rührt meine Melancholie daher, dass ich die Stimmung zwar auffange, zwar spüre, aber gerade nicht umsetze, nicht umsetzen kann.

Später ruft sie an, und ich versuche, alles in die paar Minuten zu packen; alles, was passiert ist und mich bewegt hat in den letzten zwei Tagen, und rede und rede. Sie klingt müde, aber sie freut sich, und obwohl sie im Taxi sitzt, redet sie mit der vertrauten Stimme, die uns beiden gehört. Woman, woman, sage ich, singe ich, und wir sehnen uns beide nach Küssen und Umarmung und nach des anderen Haut. Nach dem beruhigende, euphorisienden Effekt der gegenseitigen Berührung; wie eine Vergewisserung, dass die andere Person existiert, dass sie nah ist, physisch wie mental.

  through the smoke rings of my mind

Ohne genau zu wissen, welche Assoziationskette mich hierhin führte, schiebt sich eine Erinnerung nach oben; wie ich mit M. im Gras lag, nach einer durchfeierten Nacht, wie wir schwitzend und durstig und immer noch von der Musik durchdrungen schliefen und aufwachten und uns über das Tempelhofer Feld langsam den Weg nach Hause bahnten. Ein bisschen taumelnd, ungeschützt in der Hitze, aber durch den Schlaf erstarkt, stark genug, und mit dem einzigen Ziel: nach Hause. Den Tag in Angriff nehmen. Die Müdigkeit niederkämpfen, für den Augenblick; erst mal die Bahnstation finden, erst mal was trinken, erst mal sehen, wie viel Geld vom Abend noch übrig ist. 
 
Wie eine Verkörperung von Sorglosigkeit, von Kindlichkeit erscheint mir das jetzt; wie frei sich das anfühlte, und wie euphorisch wir beim Tanzen waren; wie viele Blicke ich genoss und wie angenehm sich das Denken langsam ausschaltete, das Überdenken, das Über-Ich; das Urteilen und die Vernunft. Wie schön es ist, sich an all das zu erinnern, und wie seltsam, gleichzeitig von der Traurigkeit zu wissen, die mich trotz allem nie verließ. Euphorisch war ich, ja, und auch begeistert, und im Rausch; von Glücksmomenten durchtränkt und genießend. Und trotzdem weiß ich auch, dass da noch immer diese tiefe, tiefsitzende Traurigkeit war, die mich seit der Trennung begleitete; eine Art dunkler Unterton, der immer mitschwang. Er hinderte mich nicht mehr daran, Glück zu empfinden; das hatte ich mir erarbeitet. Aber er schuf eine permanente, unterliegende Unruhe und Dunkelheit; eine, in die man jederzeit hineinfallen konnte, wenn man sich nicht zusammenriss. Und vielleicht deshalb sind diese Glücksmomente nicht völlig rein, nicht einzig Glück, sondern durchmischt mit eben diesem dunklen Ton, einer leisen Melancholie, einer in Schach gehaltenen Verzweiflung. 

Vielleicht tatsächlich wie ein kleines Tier, das man sich im Brustkasten hält; ein schlafendes. Und man liebt es auch, es ist ja Teil von einem selbst; ich würde mir die Traurigkeit nicht absprechen wollen und ich will den Satz "Ich war nicht wirklich glücklich" ausschreiben, ohne damit eine Verminderung des Erlebnisses bewirken zu wollen; ohne damit sagen zu wollen, dass es deshalb weniger wert gewesen ist oder weniger schön oder weniger erfüllend. Es war ein erfüllendes Erlebnis genau wegen der Komplexität der Gefühle, ihrer verschiedenen Färbungen; dadurch, dass nichts stimmig war und alles stimmte.

  long before the days of no surrender

So etwas wie Zärtlichkeit ist zu beobachten in ihrem Umgang mit allem, was sie wachsen sieht. Ein Staunen in Schüben, immer dann, wenn sich das Gepflanzte in den Vordergrund, in ihr Blickfeld schiebt.

Morgens rufen die Pflanzen mich wach; sie sind durstig, manchmal brennt die Sonne bereits mittags. Der Salat ist dankbar, lerne ich, eine sympathische Pflanze, genau wie die Erdbeere; der Basilikum eher griesgrämig, mit Hang zum Selbstmitleid. Eine Eiche haben wir gepflanzt, eher aus Versehen. Ich mag, wie sie besonders diesem winzigen Baum behutsam zugetan ist; vielleicht, weil er schneller wuchs als die anderen? Zunächst zart sprießend, und jetzt rapide, ein Stockwerk nach dem anderen.

Abends sind die Farben malerisch; ich laufe und die Felder, Bäume, blühenden Sträucher, alles war malerisch, und ich blieb mehrfach stehen und knipste, blieb stehen und versuchte, das aufzufangen, festzuhalten. Dabei war der Wert selbst ja ganz ohne mich da, und ganz unbeeindruckt von meinem Geknipse. Einzig ich lenkte mich selbst ab von diesem Moment - In dem Versuch, bleibende Erinnerungen zu schaffen, Abbilder des Moments, war mir der Moment ja selbst entglitten. Als ob man sich durchs Halten der Kamera selbst eine Trennung aufdränge: Alles ist Motiv, nichts mehr bloß Umgebung; Fokus, scharf stellen, weichzeichnen. Stimmt das Licht? 

Fühlt man sich als Künstler, in diesen Momenten, oder als beauftragt zur Dokumentation? Assoziiert man mit Vergänglichkeit immer das Verschwinden von Wert? Und liegt dahinter das Streben nach Großem?; etwas Bleibendes will man schaffen, etwas von Bedeutung. Etwas, das erinnert wird, egal von wem, es soll nur nicht im Nichts verschwinden, und außerdem beweist es natürlich: Man war da. Man war selbst ganz höchstpersönlich an diesem Ort und schuf ebendiesen Beweis in diesem längst vergangenen Moment. Etliche Menschen, ganze Ströme von ihnen, und ein Feuerwerk aus Klicks, und alle fotografieren sie doch dasselbe; die selben Orte, die gleichen Perspektiven; ich falle selbst in dieses Muster, ich entscheide, fotografiere, zeichne auf. Wozu, wozu eigentlich; vielleicht lieber mehr Jetzt und weniger Darstellung, weniger Darstellung ist immer wachsender Freiraum, aber eben ein Freiraum, den man nur selbst empfinden und nicht später beim Abendessen stolz herumzeigen kann.

Und man denkt, ein Tag sei vergangen, und dann sind es dreivierfünf seitdem, als zuletzt, vorhin. Gerade eben noch.

  underneath the grass would grow

"Nach dem Frühstück gleite ich von einer Hausarbeit in die nächste: Spülmaschine, Waschmaschine, Wäsche vom Vortag abnehmen, [...] Es ergibt sich, dass ich eine Schublade entrümple, und dann noch eine, und noch eine, vier sind es am Ende des Vormittags." - Fragmente
Es ergibt sich, diese Formulierung löst ein Wohlbehagen in mir aus, natürlich in Kombination mit dem Rest; weil ich mich erinnere, wie sich das anfühlt, weil ich das kenne - zu erkennen glaube. Entrümpeln, entstauben, Papiere ordnen, alte Dinge wiederfinden, immer wieder angestupst, angestoßen werden von Erinnerungen, und sich auch ganz willig anstupsen lassen, hin und her, ganz ohne Gewalt, ganz friedlich. Es ist ein Dahindümpeln der Gedanken, der Erinnerung, ein Loslassen des krampfhaften Effizienzdrucks, dem man einmal die Hand gab und der seitdem nie wieder losließ. Es ist ein Treibenlassen, im Schneidersitz auf dem Fußboden; man ist jung, verträumt und naiv in diesen Momenten, und man ist es gern. Geschehen lassen. Es ergab sich. Eine dünne Staubschicht, die sich ganz leicht, leicht pelzig auf die Zunge legt. Ein dünner Grauschleier. Feine Sandkörner. Vielleicht steht irgendwo eine vergessene Tasse kalten Tees. Das Selbst ist zerflossen, hat sich ausgebreitet wie eine träge Masse, träge und wohl, mit wabernder Schwere.

Diese Betrachtungen in der Retrospektive, darin liegt etwas Fesselndes, etwas Ungeheures. Vielleicht der Wechselwirkung wegen? Weil man doch die Vergangenheit ständig umbaut, neu deutet, mit neuer Erfahrung zu lesen lernt. Dort stand ich, und fühlte mich allein und verschämt und wollte rebellieren, und wusste nicht, wie. Hier stand ich, und hatte eine Vorstellung von der Liebe, von ihr als Konzept; das umfasste nicht mehr als eine große Begeisterung und den Wunsch, jemandem nah zu sein. 

Man vergisst sich und vergisst sich doch nicht, schließlich dreht sich alles ums Selbst; aber das Selbst auch um so vieles, das nicht Selbst ist!, all diese Erlebnisse, alles, was angesammelt wurde, empfunden, überwunden. Es ist wie: alte Wunden betrachten, mit einer gewissen Wehmut, beinahe als sehne man sich nach dem alten Schmerz, und bedauere, dass man nur ein schwaches Echo davon erinnert, ein Echo, das kaum noch zu hören ist, durch all die Schichten neuer Erlebnisse, durch den Filter des heutigen Kontexts. Durch das, was man weiß und damals nicht wusste, nicht wissen konnte. Gedämpft lauscht man diesem Echo (denn schließlich ist nicht das Echo als solches gedämpft), man lauscht und erinnert.  
 

take that dry blue pill

Wasser schlägt mir als Sprühregen ins Gesicht.

Es ist, als stünde ich auf einem kleinen Dampfer, nach langer Zeit an Deck getraut: nach draußen. An die Reling. Der Wind zerwirft mir die Haare. Nichts hält mehr, alles löst sich, entwindet sich, beinahe neckisch, und dabei die eigene, wachsende Alarmiertheit; wie sehe ich aus?, wie sehen mich die anderen; sogar das Lächeln verrutscht, verzerrt; alles flieht, alles entzieht sich dir. Retreat, der einzige Impuls, back to safety, der einzig vernünftige!; dieser Machtlosigkeit entfliehen, dem Bodenlosen. Diese Ohnmacht!, die so wahllos um sich greift, sich so unverschämt aufdrängt; die dich umzustülpen droht, innen nach außen, und dann sehen das alle, und DANN?

Aber – Wenn man nur einen Moment länger bleibt. Wenn man sich nur entscheidet, sich der Ohnmacht auszuliefern!, genau dieser Moment, in dem man sich ergibt, dem Zerren und Schwanken, dem Nassen, Unvorhergesehenen, dann - muss man lachen!, muss man einfach, es bricht heraus, dieses Lachen, und dann spürt man die Freiheit, die mit der Ohmacht kommt, die sich dahinter versteckt hat und dir jetzt zujubelt, die jubelt in deinem Bauch und du weißt, du bist echt in diesem Moment, echt, schonungslos echt, wahrhaftig und unverschleiert, und alle um dich herum sind ihr ebenfalls ausgesetzt, dieser Ohmacht; dem Fahrtwind und dem wilden Wasser, alle sind hier und du mittendrin, und alle gleich: machtlos, herrlich machtlos. 
 

bound by the other side

Ich habe dir nie gesagt – vielleicht, weil es mir nicht bewusst war – wie ich es empfinde, dass du rauchst und trinkst und betrunken vom Fahrrad fällst, und lachend wieder aufstehst und weiterfahren willst. Ich dachte, ich empfinde hauptsächlich Angst, Angst um dich, und die empfinde ich auch, aus reinem Egoismus: Angst davor, dich zu verlieren. Angst, dass du nicht mehr da sein könntest. Dann will ich dich schütteln, dir die Zigarette aus der Hand reißen und sagen, Lass das, bitte!, ich will, dass du lebst, so lang wie möglich, und so lang wie möglich Teil meines Lebens bist. Aber dann ist da noch eine andere Empfindung, und die kann ich erst jetzt benennen: Es ist eine Art Bewunderung, eine Hochachtung, I'm in awe of how you treat life, of how you feel that life can only be worth living if you can enjoy it, und das ist genau das, was ich mich nicht immer traue, nur manchmal, und meist mit Gewissensbissen, mit Vorsicht. 

Aber dann stehe ich am Balkon und habe mir eine halbe Zigarette zusammengebastelt, aus dem Paper von einem Joint und völlig vertrockneten Tabakkrümeln, und ich stehe da; der Wind reißt mir die improvisierte Kippe fast aus der Hand, aber ich fühle mich so frei, so losgelöst. Was will ich denn vom Leben anderes, als es zu erleben? Was soll ich denn damit, wenn mich nichts berühren kann, und ich mir nichts zu eigen mache?

hit the high notes

Ein Wiedererkennen. Hallo, sagen unsere Lippen zur Haut, sagen unsere Körper. Hallo, und: Wo warst du?, und: endlich.

Der Taxifahrer spielt Jazz, und die Straße zieht vorbei, vorbei, die Nacht läuft nicht langsam genug; ich will, dass wir sie einholen. Schneller, schneller soll er fahren. Es fühlt sich richtig an. Der Ton in ihrer Stimme, Kannst du herkommen? Kannst du dir ein Taxi nehmen? Und in meinem Kopf surrt es, rastet ein, völlige Klarheit, bewusst, entschlossen. Ich fahre. Natürlich fahre ich. Sie will mich sehen, sie will, dass wir uns nah sind, und ich spüre das in ihrem Tonfall, über Kilometer und Kilometer hinweg. Was auf mich eingeredet wird, prallt an mir ab. Die Entscheidung ist längst gefallen, und ich weiß das, und es tut wahnsinnig gut.

Dann stehst du da, mit dem Geldbeutel in der Hand; Hast du das Geld? Dann die Hände, ganz automatisch, wir halten uns fest, du kriechst in mich rein. Du kriechst in mich rein, und ich halte dich. Verlegen bist du, ein bisschen, und überrascht, als ich frage, ob ich tatsächlich in die Wohnung darf. Dass ich mich vorbereitet habe. Dass sie ihre Meinung geändert haben könnte, während meiner Fahrt. Wer weiß das schon?

Nein. Sie legt Pyjamas raus, erst nur für sich, dann auch für mich. Sie gibt mir den Laptop und dirigiert mich ins Zimmer. Sie putzt die Zähne und ich schlingere durch die Wohnung, von hier nach dort und zurück, weiß nicht wohin, weiß nicht, was passiert.

Was passiert? Ich nenne es 'Lovers Back'. Sie nennt es 'The Nightly Call'. Ich nenne es 'True Love Always Wins'. Sie lacht.

there's an old voice in my head

Wie trotzig ich das Ende unserer Zärtlichkeit verneint habe.

Das ist ja mein T-Shirt! Ich weiß noch, wie du das gesagt hast. Das ist meins. Wieso trägst du das. Wieso trägst du es zum Schlafen. Da gehört es nicht hin; an deinen Körper, wie eine Liebkosung. Eine vergangene Version von mir hat es im Zimmer einer vergangenen Version von dir aufbewahrt, und jetzt trägst du es, wie zum Hohn. Dabei ist es nicht mehr als eine Verkleidung; du trägst es, um alte Zeiten hinaufzubeschwören, aber so funktioniert das nicht. Das ist vorbei. 

Schmerz. Schmerz; lodernd, bohrend, gnadenlos. Frisst an mir, beißt Stücke aus mir heraus, und ich stehe nur da und schaue, was übrig bleibt. 

Morgens: Träume aus dem Kopf schütteln, den Gedanken an sie, an alles, mit dem Frühstück runterwürgen. Wenigstens temporär. Tränenkanäle trockenlegen. Ausziehen, wegziehen; mein Zimmer wird von Tag zu Tag kahler, ich will das so, ich beiße die Zähne zusammen und trage den kleinen Tisch auf den Dachboden. Den will sowieso niemand, der ist alt und an einigen Stellen verrostet; ich trage dich, und es ist, als trüge ich ihn in Sicherheit. Into safety; meinen sicheren Rückzugsort verlasse ich, mein Nest, meine quirlige, mit Leben gefüllte Insel der letzten Jahre. Meine Anfänge habe ich hier gemacht, in so vieler Hinsicht; Dinge angefangen und nie zuende gebracht, andere versucht, und ständig gescheitert, aber so viele sind geglückt, so viele Emotionen sind hier gelebt worden; ich wünschte, sie hätten Abdrücke hinterlassen, sich in die Wände gebrannt, bunte Muster gezeichnet.

Und immer noch will ich zu ihr, alles drängt mich, alles schreit in mir.

keeping me afloat

C. hat dir gesagt, du seist egoistisch, und du hast es bestritten, bestreitest es heute noch; nicht egoistischer als andere, sagst du, und ich bringe es nicht übers Herz dir zu sagen, dass das nicht stimmt. Du bist egoistischer als andere. Und ich liebe dich.

Ich will der Welt den Schädel einschlagen. Der Schmerz frisst an mir, beißt Stücke aus mir heraus, und ich stehe nur da und schaue, was übrig bleibt. Ich kann nicht mehr ausweichen, spüre den Schmerz mit voller Wucht; Entbehrung, Sehnsucht, Angst; krieche rein emotional auf dem Zahnfleisch und sitze doch aufrecht, halte mich aufrecht; Sehnsucht, Selbsthass, Scham; irgendwo ist sie jetzt, und ich weiß nicht, was sie fühlt, und es fühlt sich so sehr nach Wegbrechen an, du brichst von mir weg und Steine prasseln und es gibt nichts, was das aufhalten kann.

Ich wollte dir genügen, das war ein ständiger Druck auf mir; manchmal mehr, manchmal weniger. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich bin nicht genug. Nicht leidenschaftlich genug, nicht selbstbewusst genug. Und manchmal: dir nicht ähnlich genug. Dabei habe ich mich so oft angepasst; weißt du, ich bin so oft spät ins Bett gegangen mit dir, und du lagst so selten wach an meiner Seite. Ich habe so oft versucht, die Augen noch offen zu halten, aber wann hast du versucht, sie für mich zu schließen?
  
Ich will zu dir, alles drängt mich, alles schreit in mir. Ich will dich, wie ich dich früher hatte; ganz und gar, uneingeschränkt, glücklich. Ich will dich, wie ich dich nicht haben kann, und das muss ich mir wieder und wieder sagen. Es ist: unter Wasser sein, tief getaucht, und da bist du, und ich sehe dich, und du siehst mich an, und dann schwimmst du davon. Dieses Gefühl: dich davonschwimmen sehen. Nicht zu wissen, ob du umkehrst, jemals, oder ob du glücklicher bist: dort, wohin du dich jetzt aufmachst.

blue skies from pain

Ob sich die Arbeit nicht von allein schreibt; manchmal glaube ich, das ist tatsächlich der Hintergedanke, die Hoffnung.

Dass sich alle Wörter in meinem Kopf ganz automatisch aneinander fügen, und dann unsichtbar aufs Papier gespuckt werden – von ganz allein, natürlich. Warum könnte ich sonst wieder und wieder andere Beschäftigungen finden, anderes tun, das Wichtige wegschieben, wie eine Kehrschaufel einen Berg Schmutz wegschiebt, und es sammelt und sammelt sich, aber wandelt sich nicht in Gold. Schmutzberge in Gold verwandeln; schweifende Gedanken führen nicht zum Ziel, stattdessen immer wieder daran vorbei, wie Scheibenwischer, wie Leuchtturm-Leuchtstreifen, wandernd, ziellos mit Bestimmtheit, ein schweifendes, rastloses Streifen, und die Zeit zieht zusätzlich vorbei, und du sitzt da, bis du ganz durchsichtig bist, durchsichtig und kaum mehr als ein blässliches Wabern. 

Grässliches Labern; du liest Halbsätze im Halbschlaf und klickst dich durch ganz Universen, ohne, dass etwas davon in dir zurückbleibt. Wann hast du zuletzt laut gelacht?, laut gedacht: dass doch nichts über ein bisschen Freizeit geht. Frei, zu zeiten, zu zelten, große Zeiten zu erleben und mitzumischen, aufzutischen, aufzuheitern; Entspanntes zwischen all dem Ziehen und Zerren. Eine Lücke im Gewühl, eine Brise auf schweißbenetzter Stirn, aber wer arbeitet denn heute noch so, dass ihm der Schweiß von den Beinen rinnt; das macht man doch – eben – in seiner Freizeit. Schweiß produzieren. Leise große Schritte. 

Aus deiner Mitte schält sich etwas heraus wie ein Obst, wie ein verpupptes Tier, es schält sich, fällt. Ein Klumpen Haut bleibt zurück, ein Klumpen Haut bleibt übrig. Das bist du.

like I'm not made of stone

While you fuck me, snatches from last night's dream flare up, they flicker, then they're gone.  
 
Wenn du gehst, nimmst du nichts mit von mir; meine Gedanken hängen dir nicht nach, vielmehr bleibt etwas von deinen an mir kleben. Kleine Gewissheiten deiner Gegenwart, deiner Existenz; Haut, Mund, Lippen; der weiche Ausdruck in deinem Gesicht; wie du mich an dich ziehst; wie ich vorsichtig dein Gesicht studiere, um nach Veränderung zu suchen, oder nach Kälte, aber nicht fündig werde, und seufzend vergrabe ich meinen Kopf an deiner Schulter und du freust dich, und ich freue mich; wir sind zwei warme Wesen, zwei warme Wesen, die sich gern noch näher wären jetzt, aber es sind Leute in der Küche, es sind noch andere im Raum, deshalb nur Haut zeigen, wo Haut erlaubt ist, und meine Hand greift sich dein Shirt, und du greifst dir mein Haar.

bound to linger on

Was ich nicht vergessen will: Wie du gelächelt hast, als du langsam aufgewacht bist und meinen Kuss gespürt hast.

Ein leichter, weicher Kuss war das, du hattest die Augen noch geschlossen, und dann, mitten im Begreifen und Erwachen, hast du so gelächelt. Ein rein spontanes, glückliches Lächeln war das. Das war wunderschön.

Ich bin tatsächlich stolz, merke ich; stolz, dein Vertrauen zu genießen, es genießen zu dürfen, es verdient zu haben. Es berührt mich, wenn du einschläfst, fest um mich geschlungen; wenn du dich dem Schlaf ergibst, wie ein Kind in meinen Armen. Manchmal richtest du im Halbschlaf Worte an mich; ein erklärender Satz, eine Frage, mit geschlossenen Augen, immer mitten aus einem Gespräch gerissen, das du dir erträumt hast. Manchmal wachst du auf und hast das Ende des Films verpasst, bist verwirrt und ein bisschen wütend, aber kraftlos, eher enttäuscht, vielleicht von dir selbst. Als sei es eine Schwäche: eingeschlafen zu sein. Das mag ich. 

Ich mag, dich noch nicht aufzuwecken, obwohl mein Nacken schmerzt, obwohl der Film längst zu Ende ist; ich halte dich dann fest und freue mich. Ich halte dich fest mit dem Gefühl, dich beschützen zu wollen, vor allem, was kreucht und fleucht und draußen herumheult. Vor allem, das dich unter Druck setzt, das Erwartungen an dich stellt; wenigstens für den Moment soll die Zukunft ohne Widerstände sein, alle Hindernisse hinweggefegt. Du sollst sicher wandeln in deinem Traum, nichts soll dich quälen. 

Das wünsche ich mir, das wünsche ich mir für dich.

like a cat beds into a bean bag

wie kann man
wie kann irgendjemand
jemals
sicher sein, das Richtige zu tun?

ist das
ein Gefühl? folgt das
bestimmten Regeln? und

in all dem
ständigen Wechsel,
den Launen, Gedankenräuschen;

bei all den Perspektiven, die möglich sind,
nötig, vielleicht,

bei allem, 
was sich aufdrängt und
entzieht zugleich, wie ist da

Richtigkeit
überhaupt definiert?
Bleibt da

nicht immer ein
Fragezeichen

just a vagabond with flowers

Ich forme Sätze im Schlaf, halblaute Gedanken, liege wie gelähmt, eingelullt, verwachsen. 

You thought I was what you wanted, and I thought you were what I needed, denke ich, und denke im Kreis, und schubse das Denken in eine andere Richtung, weil sonst wieder nostalgisches Verweilen im Damals, und nachträgliche Verschönerung, hier und da, und Verlieren: Des Blickes für – alles, was es sonst noch gibt.

Aber ich denke so oft, Danke. So oft. Ich denke vermutlich liebevoller an sie zurück, als ich es vorher je getan habe; langsam lösen sich auch die Fehler heraus aus dem Bild, ihre und meine, und vieles begreife ich erst jetzt. Begreife, und will mich einfach in diese Vertrautheit zurückschmiegen. Weil es sich unmöglich anfühlt, eine solche Nähe zu jemand Anderem aufzubauen; unmöglich und anstrengend und überhaupt, es wäre nicht dasselbe. 

Man will eben manchmal das, was da war – genau das. Oder glaubt, es zu wollen.

made it in my mind because

"Wie kann man sich schon sicher sein", sagt sie, und ich fühle mich umzingelt, fühle mich eingekreist. 

Natürlich kann man sich nie sicher sein. Und wir reden noch ein bisschen, und es geht hin und her, und sie sagt, sie will nicht gehen. Dann bleib, sage ich, und könnte mir im nächsten Moment die Zunge abbeißen.

Alles was sie sieht ist, dass ich Angst habe, sie zu verletzen. Und das findet sie charmant, überaus rücksichtsvoll, und überaus unangebracht. "Mach es doch nicht so kompliziert", sagt sie, "Es ist eigentlich ganz einfach", und ich habe den Satz zu oft gehört; er löst Widerwillen aus in mir, eine Fluchtreaktion, und gleichzeitig Sehnsucht danach, genauso zu empfinden. Ich will die Einfachheit, so ist das ja nicht. Aber sie ist schlicht nicht da. Sie ergibt sich mir nicht; ich sehe und starre und greife ins Nichts.

circles and straight lines and drowned eyes

Du hast meine Füße gewärmt; eiskalt waren die.
 
Deine Beine hast du um meine geschlungen, und ich konnte nicht anders, als mich geborgen zu fühlen. Immer wieder habe ich mich umgedreht, um einen Kuss zu erhaschen; to snatch a kiss from your mouth, because it was warmth and sweetness all over again, all the warmth and sweetness that I knew would soon be gone.
 
Ich habe gezittert, als du plötzlich in der Tür gestanden hast; ich habe - Aber das ist eine Rührseligkeit, die ich mir nicht leisten kann. Ich kann mir nicht leisten, bei jedem Wort, das ich tippe, in Tränen auszubrechen; wie ein Teenager, der sich jämmerlich fühlt, hundeelend, und die Welt nicht mehr versteht. Ich verstehe; vielleicht nicht die Welt, aber dieses Chaos. Ansatzweise. Ich will den Überblick behalten. Und verquollene Augen helfen dabei nicht.
 
Das habe ich von dir gelernt.
 

getting lost in the blue

Du nimmst dich viel zu ernst, sagt sie, als ob ich das nicht wüsste.
 
Sie tritt aus dem Gebäude und kommt schnurstracks auf mich zu; ich muss nicht einmal winken, ich blinzle bloß und richte mich auf, überall klebt vertrocknetes Gras, an meinen Waden, meinen Knien. Sie setzt sich zu mir, mit halb verkniffenem Gesicht, das schwankt zwischen Freude und Irritation und Ärger, hin und her, und ich lächle vorsichtig und fühle mich ganz klein und klar. Also, sagt sie. Ein Schmetterling setzt sich auf meinen Zeigefinger. Vielleicht eher ein Falter, aber bunt, und hübsch; Guck mal, wie schön, sage ich und halte ihn ihr entgegen. Und er flattert um uns herum, die ganze Zeit während wir da sitzen und reden; einmal setzt er sich ganz kurz auf ihre Nase. Wir lachen. Es ist merkwürdig. Ist komisch, ihr so nah zu sein, und gleichzeitig nicht; aber es funktioniert, wider Erwartens. Sie schaut ein bisschen an mir vorbei, wenn sie spricht; sie schaut mich seltener an als früher. Manchmal kneift sie die Augen so zusammen und fixiert mich, und ich weiß nicht, was sie denkt. Ab und zu wird es still zwischen uns, wir schieben die Fahrräder über Sand und Kies und ich weiß nicht, was ich sagen soll; bin zum ersten Mal im Gespräch mit ihr gestrandet. Irgendwas erzähle ich dann; blindlings, was mir einfällt. Es gibt nichts zu hoffen, sagt sie, und es tut kaum noch immer noch weh, ich nicke und sage, Ich weiß. Ich weiß, aber ich will dir noch ein bisschen von dieser Nähe geben, ich will sie selbst noch mal spüren, verstehst du das nicht; keinen Kontakt mehr, sagt sie zum Abschied, und ich will doch nur einen Abschluss. Ich will abschließen und will es nicht; es ist, als würde ich die Tür immer wieder aufreißen, und dein Widerstand wird immer stärker, und das macht mich traurig. Und eigentlich weiß ich, es gibt keine Tür, es gibt nur dich und mich und zwischen uns die Fahrräder.

Später liege ich im Bett, drapiert dahingestreckt, und spüre die Melodramatik auf meinem Gesicht, spüre das, und muss lächeln, muss beinahe lachen, aber es ist dunkel und ich liege im Bett, und darum lächle ich bloß, belustigt über mich selbst, und denke an sie, und fühle mich verbunden.
 

wild green stones alone

Was ist los?
Nichts. Nicht wirklich.
...?
Ich will nicht, dass du heute Abend vorbeikommst.
Was?
Ich kann das nicht mehr.
Was?
Ich hab mit einer geredet, die denselben Mist mit ihrem Ex durchgemacht hat. Die von ihm betrogen wurde. Und die hat mich gefragt, warum ich es noch mal mit dir versuche. Und ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Weil du mich noch liebst, denke ich. Bringe keinen Ton heraus. Ich schüttle den Kopf, schüttle mir aus dem Kopf, was sie gesagt hat; ich fasse nicht, dass das passiert. Ich hätte es erwarten sollen; ich hatte es erwartet, und dann nicht mehr, dann hatte ich gedacht, vielleicht klappt es ja doch. Wann habe ich zu heulen angefangen? Ich weiß jetzt, warum es heißt, „die Welt bricht zusammen“; denn der Himmel bricht irgendwie auf mich runter, die Realität, alles stürzt auf mich ein. Sie will nicht mehr, sie will nicht mehr, kreist es in meinem Kopf. Ich schluchze ins Handy, halte mich daran fest.

Kann ich dich anrufen, hattest du gefragt, in der SMS, vor ein paar Minuten. Vorher hatten wir geklärt, dass ich abends zu dir kommen würde; du hattest es vorgeschlagen, wolltest mich bei dir haben, du wolltest das.

Sorry, sagt sie. Ich lege auf.

fading from your memory

Ich bin müde, sagt J., und dann kommt sie doch noch vorbei. 

Sie ruft, draußen vor dem Fenster, und dann gehen wir zusammen einkaufen, und die Kassiererin will den Ausweis nicht sehen. Die Waffeln später sind luftig und gut, M. hat schlechte Laune, deshalb stichelt und piesackt sie, und ich flüchte mich in J.s Arme als ich nicht weiter weiß, als ich kein Kontra mehr geben will und kann. Ich bin froh, dass du gekommen bist, sage ich, und sie sagt, Ich auch. Und als wir uns die Bettdecke über die Köpfe ziehen, kann ich es wieder kaum fassen; dass sie mich so nah kommen lässt, dass sie mir verzeihen will, und vielleicht sogar verzeihen kann.

with soggy clothes and breeze blocks

Alles ist anders.

Als ich das ausspreche, lachst du und sagst, du hast dir genau das vorgestellt, in den ersten Wochen nach der Trennung. Später sagst du, du willst nicht wieder mit mir zusammen sein. Dass du das jetzt weißt. Und ich küsse dich trotzdem, küsse dich, weil deine Küsse etwas anderes zu sagen scheinen; weil deine Küsse mich wollen und mir sagen, dass das nie aufhört.

Das Wasser wirkt, als hätte jemand darin einen Pinsel ausgewaschen; dunkel, schwarz, unsere Füße eingetunkt; ich platsche ein bisschen, aus Verlegenheit, aus Scham. Ihre Kiefer malen. Sie starrt mich in Grund und Boden. Ich starre auf ihre Arme, ihre Schultern, die stark und schön sind; ich fühle mich: eingestampft, ausgeleert, unverstanden. 

Einmal greife ich mir meine Tasche, vor lauter Unverstandenheit – nein, eigentlich, weil sie sich weigert, zu verstehen, weil sie mich absichtlich verletzt und beleidigt, und jedes Recht dazu hat, nur muss ich es mir nicht unbegrenzt anhören – jedenfalls greife ich die Tasche und fühle den Schwung, fühle den Ärger, der mich nach Hause tragen könnte, der mich Gesicht und Herz verschließen lassen könnte aber ich will - „Ich will nicht gehen“, sage ich, und setze mich wieder. 

Sie schaut bloß. Sie hätte mich gehen lassen.

Sie umarmen wollen, nicht wissen, wie, und was sie will, was will sie, wie schaut sie mich an, was passiert jetzt. Und dann sitzen wir ganz nah, und ich spüre ihren Atem, spüre, dass ihr Körper sich ebenfalls nach mir sehnt, und als ich meinen Kopf aus ihrer Halsbeuge – ihr Haar kitzelt mich ein bisschen, ich nehme wahr – nehme wahr, ganz deutlich, wie sonst nie – meinen Kopf aus dieser Kuhle zwischen Schulter und Hals hebe, ganz langsam, da weiß ich schon, was passieren wird, und sie weiß es auch, und ich sehe – oder bilde mir ein – Tränen in ihren Augen, sie kämpft mit sich, sie will nicht und will doch, und in mir gibt es nichts, das nicht will. 

Und ihre Lippen sind weich, und ihre Zunge stört mich nicht, wie andere Zungen mich stören.

Ich war noch nie jemandem so nah, sage ich, und sie verzieht ihr Gesicht. Das bringt ihr nicht viel, weiß ich, wenn all die Nähe auf einer Lüge basiert hat. Aber gerade jetzt, genau jetzt fällt meine Maske, und sie sieht, sieht alles, was dahinter ist, und als wir uns küssen reißt es mir den Boden unter den Füßen weg. Ich bin schutz- und lügenlos, lückenlos ihr hingehalten, hingegeben, aber sie will nicht in den Schatten kriechen, sie will keine halben Sachen.

Wir können uns gegenseitig nicht geben, was wir wollen, sagt sie, und ich denke, dass sich vielleicht gerade ändert, was ich will. Die Leute sagen mir, das kannst du vergessen, das wird nichts, lass die mal in Ruhe. Aber ich will nicht. Das will ich nicht.